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An jedem Ersten eines Monats um 6:00 Uhr startet bei openTA automatisch ein Suchprogramm, das die Neuaufnahmen des letzten Monats in den Katalog der der Deutschen National Bibliothek nach TA-relevanter Literatur durchsucht. Am 1.3. wurden 365 Monographien und Sammelbände gefunden. Da das Suchprogramm relativ breit angelegt ist, nimmt die NED-Redaktion eine Auswahl der Titel vor, die sie für besonders interessant und relevant hält. Das waren für den Februar immerhin 51 Titel. Es finden sich darunter Bücher u.a. zu den Themen Atomenergie, Digitalisierung, Endlager, Energiewende, Enhancement, Gallium, Gebäude, Gentechnologie, Gesundheit, Governance, Kapitalismus, Klima, Kommunikationsethik, Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, Partizipation, Rohstoffrisikobewertung, Solarstrom, Stadtplanung, Technikgeschichte, Open Science, Utopie, Verkehr, Wasser. Die vollständige Liste der ausgewählten Bücher finden Sie unten.
Im Editorial zum NED Februar 2019 will ich nur ein Buch vorstellen, das die Geschichte der „Futurologie“ von den 1950er bis in die 1980er Jahre in der Bundesrepublik aufarbeitet. Es ist die geschichtswissenschaftliche Dissertation von Achim Eberspächer, die jetzt im Ferdinand Schöningh Verlag erschienen ist. Der Verlag schreibt dazu:
„Achim Eberspächer erzählt die Geschichte der Futurologie in der Bundesrepublik entlang ihrer Protagonisten, die um 1970 eine beachtliche Wirkung in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit erzielten. Er deckt die Medienpräsenz der Futurologie und ihr Wechselspiel mit den populären Technikvisionen der 1960er-Jahre auf. Auf diese Weise gelingt es ihm, ihren rasanten Aufstieg, aber auch ihren ebenso schnellen Niedergang zu erklären.“
Eberspächer ist 1980 geboren und hat Geschichte, Germanistik, Geographie, Theologie, Philosophie und englische sowie französische Philologie studiert. Seine Doktorarbeit war am historischen Institut der Leibniz Universität Hannover und der Ruhr-Universität Bochum angesiedelt. Zuletzt war Eberspächer bei acatech, der Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, beschäftigt.
Im Zentrum der Darstellungen stehen Ossip Flechtheim (1909-1998), Robert Jungk (1913-1994) und Karl Steinbuch (1917-2005). Eberspächer sieht die Gemeinsamkeiten dieser drei doch sehr unterschiedlichen Personen in ihrer Auffassung, dass sich die Menschheit am Vorabend einer neuen Epoche be?nde. Diese würde durch den naturwissenschaftlich-technische Fortschritt dominiert und sie werfe zahlreiche ethische Fragen auf. Diese Herausforderungen sollten mit einem neuen methodischen Umgang mit dem Faktor „Zukunft“ angegangen werden: der Futurologie (Eberspächer, S. 9 f.).
Die Idee der Futurologie war, eine „(Einheits-)Wissenschaft der Zukunft“ (S. 344) zu entwickeln, die einen methodischen Umgang mit dem Faktor Zukunft erlaube (S. 37). Allerdings, so Eberspächer, währte die Hochzeit der Futurologie Ende der 1960er Jahre nur kurz. „Schon im Sommer 1969 war die theoretische Karriere der Futurologie im Wesentlichen beendet“ (S. 341). Und das „Scheitern der Futurologie“ (S. 344) sei weitgehend hausgemacht gewesen. .Als „Nachfolger“ der Futurologie erwähnt er „die zeitweise enorm populäre ‚Trendforschung‘ und insbesondere die inzwischen fest institutionalisierte Technikfolgenabschätzung“ (S. 346).
Für Eberspächer ist die Futurologie Symptom einer gesellschaftlichen Transformation um das Jahr 1970. Er holt weit aus, wenn er auf Basis eines „weit gefassten Imperialismusbegriffs“ konstatiert, dass der Kolonialismus die Fläche (zweite Dimension), die Raumfahrt und die Tiefseeforschung Höhe und Tiefe (dritte Dimension) und die Futurologie die vierte Dimension, die Zeit, erschloss (S. 348). Die Futurologie sei ein spätes Produkt der Hochmoderne gewesen, charakterisiert durch ihren Glauben, die Zukunft erschließen und gestalten zu können. Aber sie habe mit ihrem kritischen Blick auf die Folgen des naturwissenschaftlichen-technischen Fortschritts und der Auffassung, dass Zukunft auch im Plural zu denken sei, Auffassungen der reflexiven Moderne vorweggenommen (S. 348).
Soweit einige der Ergebnisse der Eberspächers Dissertation, wie ich sie ohne eine umfassende Buchlektüre, aus dem vorhandenen Material erschließen konnte.
Mich hat interessiert, was Flechtheim, Jungk und Steinbuch als Personen der Zeitgeschichte über die Phase der Futurologie hinaus eigentlich gemeinsam haben bzw. wo die Unterschiede liegen. Die drei Wissenschaftler sind auch im TA-Kontext mehr oder weniger präsent. Weit über die TA-Community hinaus sind sie bekannt für ihre populärwissenschaftlichen Bücher mit teilweise sehr hohen Auflagen. Als Beispiele seien genannt Flechtheims „Futurologie – der Kampf um die Zukunft“ aus dem Jahr 1970, Jungks „Die Zukunft hat schon begonnen“ 1952 oder „Der Atomstaat“ 1977 und Steinbuchs „Falsch programmiert. Über das Versagen unserer Gesellschaft in der Gegenwart und vor der Zukunft und was eigentlich geschehen müsste“ 1968.
Während man alle drei zu einer Generation zählen kann, unterscheiden sich Herkunft und Lebensweg und auch ihre wissenschaftlichen und politischen Orientierungen deutlich. Sie sind zwischen 1909 und 1917 geboren und haben die nationalsozialistische Diktatur und den Zweiten Weltkrieg als junge Männer bewusst erlebt.
Elke Seefried hat in ihrer Arbeit „Zukünfte – Aufstieg und Krise der Zukunftsforschung 1945 – 1980“ Flechtheim und Jungk zur kritisch-emanzipatorischen und Steinbuch zur empirisch-positivistischen Strömung der Zukunftsforschung gerechnet – und Carl Friedrich von Weizsäcker, der bei Eberspächer nicht ausführlich behandelt wird, einer dritten Kategorie, der normativ-ontologischen, zugeordnet.
Knud Böhle ist übrigens auf die Arbeit von Elke Seefried in seinem Editorial zum NED Januar 2016 eingegangen. Die Arbeit von Seefried ist mit Sicherheit eine wichtige ergänzende Lektüre zu Publikation von Eberspächer. Eine Doppelrezension beider Arbeiten wäre sicher spannend.
Ossip K. Flechtheim wurde als Sohn eines deutschen Vaters und einer russischen Mutter jüdischen Glaubens im ukrainischen Nikolajew 1909 geboren. Mit Beginn seines Jurastudiums in Freiburg trat er in die KPD ein, wandelte sich aber bald, insbesondre nach einer mehrmonatigen Reise durch die Sowjetunion, vom „Parteikommunisten und dogmatischen Marxisten zum undogmatischen Sozialisten“. 1935 wurde er aus dem deutschen Staatsdienst entlassen und er emigrierte nach Genf und später in die USA. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen war er zeitweise Bürochef des Hauptanklägers. 1952 kehrte Flechtheim endgültig nach Deutschland zurück. Ab 1952 war er ordentlicher Professor an der Deutschen Hochschule für Politik, die später in die Freie Universität Berlin integriert wurde. Am dortigen Otto-Suhr-Institut erhielt Flechtheim 1959 eine C4-Professur für Politikwissenschaft. 1981 war er Mitgründer und Ehrenvorsitzender des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Das IZT ist langjähriges, aktives Mitglied des Netzwerks TA.
(Die Angaben zu Flechtheim im Wesentlichen nach Achim Eberspächer: Rezension zu: Keßler, Mario: Ossip K. Flechtheim. Politischer Wissenschaftler und Zukunftsdenker (1909-1998). Köln u.a. 2007 , in: H-Soz-Kult, 09.10.2007, und Wikipedia Seite „Ossip K. Flechtheim“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 9. März 2019, 16:38 UTC. (Abgerufen: 12. März 2019, 20:16 UTC)
Robert Jungk, geboren 1913, hat mit Flechtheim die Herkunft aus einer jüdischen Familie und den Widerstand gegen und die Emigration aus Hitler-Deutschland gemeinsam. Er war Mitglied in der antibürgerlichen Jugendbewegung „Kameraden, deutsch-jüdischer Wanderbund“ und im Sozialistischen Schülerbund (SSB), einer Organisation, die der Kommunistischen Partei-Opposition nahestand. Er wurde nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 kurzzeitig verhaftet und emigrierte wenig später nach Tirol, dann in die Schweiz, Frankreich, Tschechoslowakei, England. Er hatte Kontakt zum Widerstand gegen Hitler, insbesondere zu Harro Schulze-Boysen.
Jungk arbeitete in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und auch danach als Journalist und Publizist und engagierte sich u.a. in der Friedens- und Umweltbewegung. Er ist einer der Mitbegründer der Methode der „Zukunftswerkstatt“. 1986 erhielt er den Right Livelihood Award, den sogenannten Alternativen Nobelpreis.
(Nach Wikipedia Seite „Robert Jungk“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 3. November 2018, 13:05 UTC. (Abgerufen: 12. März 2019, 20:36 UTC)
Der 1917 geborene Karl Steinbuch ist der Jüngste unter den drei Futurologen. Er hat im nationalsozialistischen Deutschland Physik studiert und während seiner Teilnahme am Zweiten Weltkrieg 1944 in Stuttgart promoviert. Nach dem Krieg arbeitete er in der elektrotechnischen und neu aufkommenden Computerindustrie und erhielt, obwohl nicht habilitiert, 1958 einen Ruf auf den Lehrstuhl für allgemeine Fernmeldetechnik und Drahtnachrichtentechnik an der TH Karlsruhe, dem heutigen KIT. An der Karlsruher Technischen Universität blieb er bis zu seiner Emeritierung 1980. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat sein Informationstechnologie-Zentrum, eines seiner größten Institute, 2008 in Erinnerung an Karl Steinbuch „Steinbuch Centre for Computing“ (SCC) genannt.
Steinbuch gilt als der Erfinder des Begriffs „Informatik“, wenn auch in einem viel engeren Sinne als heute üblich. Als Steinbuchs größte wissenschaftliche Leistung gilt seine „Lernmatrix“. Ihre grundlegenden Ideen finden sich heute auch in den neuronalen Netzen des Maschinellen Lernens. Allerdings verlor er bereits Mitte der 1960er Jahre, so Seefried in ihrem schon erwähnten Buch „Zukünfte“, den Kontakt zur Forschung (Seefried, S. 117). Andere weisen darauf hin, dass die Fördergremien der DFG damals Steinbuchs außerhalb des Mainstreams liegende Ansätze eine weitere Förderung verweigerten (Hilberg, W. (1995): Karl Steinbuch, ein zu Unrecht vergessener Pionier der künstlichen neuronalen Systeme. Frequenz Jg. 49, H. 1-2, S. 28-36).
Steinbuch widmete sich der Popularisierung der Kybernetik und seinen Überlegungen zur Technik der Zukunft. Er kritisierte, dass in der Gesellschaft die „Technik als Dämon“ empfunden wurde und beklagte die technische Lücke gegenüber den USA (Seefried, S. 117 f.). Gleichzeitig warne er vor einer unaufhaltsamen Beschleunigung der technischen Entwicklung und einem damit verbundenen Kontrollverlust. Dieses Krisenszenario könne aber mit Hilfe der Kybernetik abgewendet werden.
Steinbuch war 1967 Mitgründer und Schlüssel?gur, so Eberspächer, der „Gesellschaft für Zukunftsfragen“ (GfZ), dem wichtigsten bundesdeutschen futurologischen Netzwerk. Zur „Systems 69“, dem „Internationalen Symposium über Zukunftsfragen“, das er im November 1969 in München organisierte, kamen über 1.200 zahlende Besucher (Eberspächer, S. 9).
Bei Seefried (S. 11) findet man Hinweise auf seine politischen Orientierungen und Aktivitäten. Kurzfristig näherte er sich 1968/69 der SPD an, um sich dann aber in den 1970er Jahren eher an der CSU zu orientieren. Vielleicht hatte er 1969 auf ein Ministeramt in der ersten sozial-liberalen Bundesregierung gehofft und war nicht zum Zuge gekommen, wie Seefried spekuliert (S. 124).
Es ist einigermaßen irritierend zu erfahren, dass Steinbuch immer stärker den Kontakt zu rechtsextremen Kreisen suchte und sich entsprechend geäußert hat. So zitiert Christian Graf Krockow in der Zeit Nr. 10, 1981 Karl Steinbuch: „Meines Erachtens wurde noch nie – kaum zur Nazizeit – eine Kulturnation mit großer Tradition durch eine solche kleine Ideologie verwirrt wie gegenwärtig unser Volk durch die arrogante Bewegung, die mit dem Anspruch auftritt, das ,kritische Bewusstsein‘ zu verkörpern und ,progressiv‘ zu sein.“ Und weiter Steinbuch: Es „ereignete sich in unserem Lande noch nie eine solche hemmungslose Demontage christlicher Ethik, des Humanismus und der klassischen Philosophie wie unter der Verantwortung der SPD“. Krockow kommentiert: „Noch nie, kaum zur Nazizeit!“. Und in der Zeit Nr. 3, 1987 weist Hans Sarkowicz auf einen Artikel von Karl Steinbuch hin, die vom rechtsextremen Schutzbund für das deutsche Volk als Flugblatt verbreitet wurde. Steinbuch sieht darin die Zukunft Deutschlands durch die geringe Geburtenzahl der Deutschen bedroht.
Kaum zu glauben ist, dass Steinbuch 1988 einen Artikel in der vom Günter Deckert herausgegebenen Broschüre „Asyl – gestern, heute, morgen“ publizierte. Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass der ehemalige Gymnasiallehrer Deckert seit 1966 bekennendes NPD-Mitglied war. Er wurde mehrfach wegen Volksverhetzung und anderer Delikte zu Gefängnisstrafen verurteilt. Deckert trat zwar 1982 aus taktischen Gründen aus der NPD aus, um die Entlassung aus dem Schuldienst zu verhindern, die dann 1988 endgültig erfolgte, kandierte aber bereits 1989 wieder für die NPD und war deren Parteivorsitzender ab 1991.
(Angaben zu Günter Deckert nach Seite „Günter Deckert“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 13. März 2019, 15:17 UTC. (Abgerufen: 13. März 2019, 17:03 UTC))
Wie schon mehrfach berichtet, konnten 2018 wegen eines Programmierfehlers Publikationen mit Erscheinungsdatum 2018 nicht im openTA-NED erfasst werden. Wir haben mittlerweile die entsprechenden Nachträge vorgenommen und auch in Blogbeiträgen (Die erloschene Liebe für Autos, Klimawandel in Afrika, Gleichheit und Gerechtigkeit und Gesellschaftsdiagnosen, soziotechnischer Wandel, Technikreflexion, Zukunft: Digitalisierung 2018) einige dieser Nachträge vorgestellt und kommentiert. Im Folgenden finden Sie die Titel aus dem Jahr 2018, die von persönlichen Mitgliedern des NTA publiziert wurden oder an denen diese beteiligt waren. Auch hier kommt ein automatischer Algorithmus zum Zuge, der die Autoren-ID der Gemeinsamen Normdatei der deutschen Bibliotheken als Suchkriterium nutzt. Wenn uns diese GND-ID für die Mitglieder des NTA nicht bekannt ist, können deren Publikationen auch nicht gefunden werden (siehe hierzu aktuell den Aufruf von Ansgar Skoda ORCID und GND-Identifikationsnummern bei persönlichen NTA-Mitgliedern wichtig).