Wanted: Pandemie-Reflexionen

Publikationsdatum: 14.09.22 14:27    Letzte Aktualisierung: 14.09.22 14:27

Wanted: Pandemie-Reflexionen

Editorial zum OpenTA-Neuerscheinungsdienst (NED) „ÜberdenTAellerrrand“ August 2022

Ein Beitrag von Tanja Sinozic

Mit dem aktuellen August-Beitrag wollen wir Dich inspirieren, Dein Abstract für das TATuP Special Topic über TA in Krisen zu schreiben und es bis zum 28. September einzureichen. Der Countdown läuft! In „Technologien der Krise“ von Krämer, Haltaufderheide und Vollmann etwa gibt es zahlreiche Anregungen zur Theorie und zur Rolle von Normativität und Ethik (Open Access). „Leben lernen mit dem Virus“ von Schnaupp, Ruckenbauer, Platzer und Kröll wirft einen Blick auf empirische Fallstudien, Kritik an nationalen Strategien, gleichheitsfördernde religiöse Prinzipien und individuelle Erfahrungen. Ergänzt wird dieser Ideenreigen mit einer Diskussion über den starken Zusammenhang zwischen der Pandemie und der Umwelt in „Es geht nicht um die Fledermaus: Pandemien, Umweltzerstörung und warum wir den Umgang mit der Natur neu bestimmen müssen”  - ein paar Seiten drin und Du hast wirklich keine Ausrede mehr, nicht einzureichen!

Digitale Pandemie

Die COVID-19-Pandemie ist die erste globale Pandemie, die in der hoch digitalisierten Zeit, in der wir heute leben, auftritt. Als solche lädt sie zu Analysen darüber ein, was neu oder anders daran ist und wie sich Gesellschaften durch Pandemiekrisen im Vergleich zu früheren (weniger digitalisierten) Zeiten verändern. Dennis Krämer (Soziologe), Joschka Haltaufderheide (Philosoph und Medizinethiker) und Jochen Vollmann (Medizinethiker und Psychiater) haben dazu den Sammelband „Technologien der Krise: die Covid-19-Pandemie als Katalysator neuer Formen der Vernetzung“ zusammengestellt. Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte, die sich mit Theorie, Normativität und empirischen Ansätzen zur Technologie während der COVID-19-Krise befassen, und ist online frei verfügbar.

Im ersten Teil des Buches, nach einer kurzen Einführung durch die Herausgeber, nähert sich Markus Bohlmann dem Fernunterricht, der im Zuge von Schul- und Hochschulschließungen zunehmend eingesetzt wurde, aus einer kritischen Theorieperspektive. Er problematisiert den Einsatz von - mittlerweile bekannten - Produkten wie Tablet-Apps, Schul-Clouds, Servern, E-Mail und ihren Herausforderungen. Einerseits  sagt er, dass "Technologien hiernach immer pfadabhängig sind, so waren diese Technologie schon vor dem Distanzunterricht in der Coronapandemie da". Er stellt andererseits fest, dass der weit verbreitete Einsatz dieser grundlegend unterschiedlichen Produkte und Systeme im Bildungskontext (meist unter dem Begriff "Fernunterricht" zusammengefasst) Machtstrukturen geschaffen und verstärkt haben, jedes auf seine eigene Art und Weise. Auf dieses Kapitel folgen Jonathan Harths Beitrag über virtuelle Realität und Dennis Krämers Kapitel über die Rolle der Daten des Selbst in der Corona-Warn-App in Deutschland. Im zweiten Teil des Buches werden in zwei Beiträgen, dem ersten von Rainer Rehak und dem zweiten von Isabella d'Angelo und Joschka Haltaufderheide, Elisabeth Brachem und Dennis Krämer, ethische Dilemmata hinter der Corona-Warn-App diskutiert. Während beide Kapitel einen Einblick geben, wie ethische Theorien und Ansätze zu einer kritischen Betrachtung der Technologieregulierung beitragen können, bietet vor allem das Kapitel von d'Angelo et al. eine TA-ähnliche Sichtweise auf den Umgang mit der Überwachungs- und Tracking-App. Der letzte Teil des Buches enthält drei Kapitel, die auf empirischen Berichten über die Nutzung verschiedener digitaler Produkte, z.B.Apps, digitale Assistenten oder Suchmaschinen, während der Pandemie in Deutschland basieren. Das Kapitel von Martin Degeling, Christine Utz, Florian M. Farke, Franziska Herbert, Leonie Schaewitz, Marvin Kowalewski, Steffen Becker, Theodor Schnitzler und Markus Dummuth präsentiert eine empirische Studie über die Nutzung der drei verschiedenen Corona-Smartphone-Apps, die in Deutschland verwendet wurden: die Corona-Warn-App, Corona-Datenspende und Luca. Die Autor*innen stellen fest, dass die Apps von jungen und älteren Menschen mehr genutzt wurdenals von der Altersgruppe der 40- bis 59-Jährigen. Diejenigen, die Tests und Prüfdienste in Anspruch nahmen, nutzten die App ebenfalls häufiger. Es wurde festgestellt, dass viele Nutzer*innen nicht wussten, wie die App ihre Daten nutzt und welche Daten gesammelt werden. Die Mehrheit wusste zum Beispiel nicht, dass keine Standortdaten erfasst werden. Das folgende Kapitel von Sebastian Merkel und Alexander Bajwa Kucharski befasst sich mit der Rolle digitaler Assistenten wie dem Echo und dem Homepod und wirft die Frage auf, ob die Pandemie ihre Nutzung durch ältere Menschen stark erhöht hat. Gefordert wird hier auch ein interdisziplinärer Ansatz zu ihrer Nutzung als "Heilmittel" gegen Isolation. Das letzte Kapitel von Elisabeth Brachem, Dennis Krämer Isabella d'Angelo und Joschka Haltaufderheide problematisiert die "Zusammenarbeit" von großen Privatunternehmen wie Apple und Google und nationalen Regierungen. Diese werden entlang der Dimensionen Macht, Abhängigkeiten, Expansion, Transparenz (oder Mangel daran), Sicherheit, Selbstbestimmung und Schutz diskutiert. Sie kommen zu dem bekannten, aber weltweit viel zu wenig unterstützten, Schluss, dass die Logik des Marktes nicht die des Gemeinwohls ist und dass die Frage, wie man diese besser aufeinander abstimmen kann, für eine gerechtere Zukunft unabdingbar ist.

Corona-Zukunft

Schon früh in der Pandemie war klar, dass das Coronavirus nicht verschwinden wird. Vielleicht gibt es jetzt mehr vorhersehbare gesundheitliche Auswirkungen für den Einzelnen und ein besseres Wissen über die Wirksamkeit von Maßnahmen und deren Folgen. Aber die Fähigkeit auf nationaler und globaler Ebene, die negativen und störenden Auswirkungen zukünftiger Pandemien zu reduzieren, ist nicht selbstverständlich und muss erlernt werden. Der Sammelband “Leben lernen mit dem Virus“ by Walter Schaupp, Hans-Walter Ruckenbauer, Johann Platzer, and Wolfgang Kröll ist ein Versuch, die Lehren aus der Krise zu sammeln, um mehr psychologische, wirtschaftliche, gesundheitliche und spirituelle Widerstandsfähigkeit zu erreichen. Ähnlich wie in ihrem ersten Band ("Die Corona-Pandemie. Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"), präsentiert uns dieser zweite Band Perspektiven aus verschiedenen Disziplinen, die Analysen und Überlegungen zu folgenden Themen liefern, wie z.B. staatliche Maßnahmen, Recht und Ethik, mögliche Lerneffekte, resultierende sozioökonomische, gesundheitliche und care-bezogene Ungleichheiten u.v.m. (Inhaltstext). Das Buch besteht aus 23 Kapiteln, die in vier Abschnitte unterteilt sind.

Teil 1 - Diagnosen einer Krise - bietet sechs Kapitel mit Erkenntnissen aus der Philosophie, Soziologie, Psychologie von den Autor*innen Reinhold Esterbauer, Michaela Pfadenhauer, Anna-Christina Kainradl, Ulla Kriebernegg, Katharina Heimerl, Elisabeth Reitinger, Barbara Pichler, Marie-Christin Hinteregger und Andreas Heller. Im aufschlussreichen Kapitel "Die Pandemie trifft alle, aber nicht alle gleich. Ungleichheiten in Bezug auf Gesundheit und Pflege" rücken die Autorinnen Elisabeth Reitinger, Barbara Pichler und Marie-Christin Hinteregger die zusätzliche Unterstützung in den Vordergrund, die während der Pandemie für junge und ältere Menschen notwendig war (aber nicht ausreichend angeboten wurde). Der zweite Abschnitt - Diskussion reaktiver Strategien - stellt in sieben Kapiteln empirische Beispiele für politische Maßnahmen und ihre Auswirkungen auf verschiedene Bereiche vor. Die ersten beiden Kapitel in diesem Abschnitt geben Einblicke in die ethischen Aspekte der Impfung in Deutschland (Jürgen Wallner) und in Italien (Martin M. Lintner). Es folgen zwei Kapitel über die Auswirkungen auf die Pflege (Franziska Großschädl und Christa Lohrmann), die älteren Menschen (Hartmann Jörg Hohensinner und Christina Eva Peyker) und die Auswirkungen auf die Wirtschaft (Georg Tafner), das Rechtssystem (Alois Birklbauer) und die Bildung (Manfred Novak).

Im dritten Abschnitt - Religiöse Kontexte und Praxisfelder - geht es um die weniger bekannte, aber sehr wichtige Rolle von Wohltätigkeitsorganisationen wie der Caritas (im Kapitel von Isabelle Jonveaux und Herbert Beiglböck), die den Menschen helfen, die Pandemiekrise zu überleben. In den darauf folgenden vielfältigen und aufschlussreichen Kapiteln wird über die Rolle der Kirchen (Saskia Löser), Krankenhausseelsorger*innen (Sabine Petritsch) und die Rolle von COVID-19 im islamischen Glauben (Mahmoud Abdallah) berichtet. Der letzte Abschnitt - Erfahrungen im Gespräch – präsentiert Perspektiven der Pandemie in verschiedenen Einrichtungen wie Universitäten, medizinischen Hochschulen, Hospizen, Intensivstationen, persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit und der sozialen Betreuung. Das Kapitel von Lisa Pongratz (interviewt von Wolfgang Kröll) erzählt von den alltäglichen Leben des medizinischen Personals auf einer COVID-19-Intensivstation und verdeutlicht die hohen persönlichen Kosten, die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger in der schlimmsten Phase des Virus zu tragen hatten.

Es geht nicht um die Fledermaus

Während der gesamten Pandemie wurden in den Medien viele Geschichten über Ursache und Wirkung erzählt, die für die Beantwortung kleinerer Fragen in Laborsituationen nützlich sind, aber die Realität stark vereinfachen und verschleiern. Das Problem mit solchen Geschichten ist, dass sie uns nicht dabei helfen, das Wie und Warum dessen zu verstehen, was wirklich vor sich geht, auch wenn es so aussieht, als ob sie es täten. Das ist zumindest ein Grund, mit Erleichterung auf den Wissenschaftsjournalismus zu blicken, um über die Pandemie nachzudenken, die jetzt in zunehmendem Tempo produziert wird. Die deutsche Übersetzung von Adam Cruise's neuem Buch „Es geht nicht um die Fledermaus: Pandemien, Umweltzerstörung und warum wir den Umgang mit der Natur neu bestimmen müssen“ stellt in einem überzeugend argumentierten Buch in 12 Kapiteln Verbindungen zwischen Anthropozentrismus und zoonotischen Pandemien her. Adam Cruise ist ein investigativer Umweltjournalist aus Südafrika, der für National Geographic und The Guardian geschrieben hat.

COVID-19 wird als ein aktuelles Beispiel für Krankheiten gesehen, die durch den Missbrauch von Naturräumen, Nutztieren, Wildtieren und Pflanzen durch den Menschen entstanden sind. Wie im Inhaltstext beschrieben, fordert Cruise die Menschen auf, ihren Umweltverbrauch durch den Einsatz nachhaltiger Landwirtschaftsmethoden zu reduzieren und auf den Handel und den Verzehr von Wildtieren zu verzichten. Die Pandemie wird als Objektiv verwendet, durch das eine ethische und philosophische Erzählung mit anekdotischen Beispielen aus der Regulierung der Ressourcennutzung und des Handels aufgebaut wird. Er konfrontiert die bestehenden politischen Strukturen - und auch uns als Individuen - mit unseren Wahlmöglichkeiten. "Wir Menschen müssen unser Verhalten ändern", so Cruise, "andernfalls könnte das Schicksal der Dinosaurier auch uns ereilen. Wir haben es in der Hand" (Inhaltstext).

Für die Augustausgabe des NED wurden aus 302 automatisch selektierten Buchtiteln aus dem Datenbestand der Deutschen Nationalbibliothek insgesamt 11 Buchttitel ausgewählt. Darunter auch ein Titel vom NTA-Mitglied Stefan Selke „Wunschland“ (Ullstein Verlag). Die bibliographischen Angaben der 11 Titel sind im Folgenden aufgeführt:

Cruise, Adam (2022): Es geht nicht um die Fledermaus. Pandemien, Umweltzerstörung und warum wir den Umgang mit der Natur neu bestimmen müssen. Basel: NZZ Libro.

Heinrichs, Jan-Hendrik (2022): Neuroenhancement. 1st edition. Baden-Baden: Verlag Karl Alber.

Krabbe, Alfred; Niemann, Hermann Michael; Woedtke, Thomas von (Hg.) (2022): Künstliche Intelligenz. Macht der Maschinen und Algorithmen zwischen Utopie und Realität. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.

Krämer, Dennis; Haltaufderheide, Joschka; Vollmann, Jochen (Hg.) (2022): Technologien der Krise. Die Covid-19-Pandemie als Katalysator neuer Formen der Vernetzung. Bielefeld: transcript.

Krebs, Heinz-Adalbert (2021): Energieresilienz und Klimaschutz. Energiesysteme, kritische Infrastrukturen und Nachhaltigkeitsziele. Wiesbaden, Germany: Springer Vieweg.

Ortiz, Michael (2021): Kontrollverlust und Technologieakzeptanz in der (digitalen) Transformation. Akzeptanz- und Gestaltungsfaktoren eines heuristischen Modells. Wiesbaden, Germany: Springer VS.

Quadflieg, Sven (Hg.) (2022): (Dis)obedience in digital societies. Perspectives on the power of algorithms and data. Bielefeld: transcript.

Rusche, Thomas (2022): Digitale Perspektiven. Wie künstliche Intelligenz und Robotik unsere Welt verändern. Freiburg: Projekt Verlag.

Schaupp, Walter; Ruckenbauer, Hans-Walter; Platzer, Johann; Kröll, Wolfgang (Hg.) (2021): Leben lernen mit dem Virus. 1. Auflage. Baden-Baden: Nomos.

Selke, Stefan (2022): Wunschland. Von irdischen Utopien zu Weltraumkolonien : eine Reise in die Zukunft unserer Gesellschaft. Berlin: Ullstein.

Thege, Britta (2021): Ways out of social isolation for older people in the context of new media. CONNECT-ED - a project to improve social participation. Wiesbaden, Germany: Springer.

geschrieben von Tanja Sinozic | 374 Aufrufe, 0 Kommentare ned corona pandemie krisen
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