Response-ability: Gute Vorsätze für planvollen Klimaschutz

Publikationsdatum: 02.02.22 02:02    Letzte Aktualisierung: 20.06.22 11:04

Editorial zum openTA-Neuerscheinungsdienst „über den TAellerrand“ (NED) Dezember 2021.

Ein Beitrag von Ansgar Skoda

Technischer Fortschritt bestimmt unseren Alltag. Die Rechenleistung von Computern wächst jährlich um ein Vielfaches. Möglichkeiten des Austauschs von Datenmengen in einer Cloud stärken international neue Forschungsdisziplinen und –ansätze. WissenschaftlerInnen aus aller Welt teilten miteinander die DNA-Frequenz des Coronavirus und arbeiteten gemeinsam an Behandlungen und Impfstoffen. Mit dem Thema Partizipation setzt das Wissenschaftsjahr 2022 auf Bürgerbeteiligung für Forschungsprozesse. Wird es der neuen Bundesforschungsministerin, Volkswirtin Bettina Stark-Watzinger (FDP) gelingen, die BürgerInnen durch vorausschauende Beteiligungsformate abzuholen?

Meist zeichnet sich erst spät ab, dass Erfindungen negative Auswirkungen haben, indem sie etwa Ökosysteme beeinträchtigen, wie fossile Brennstoffe, Plastik oder Asbest. Der Kampf gegen den Klimawandel gilt neben dem Kampf gegen die Coronakrise als wichtigste Herausforderung der Gegenwart. Er entscheidet auch darüber, wie wir in Zukunft leben können. Die Nutzung fossiler Brennstoffe soll bis 2050 auslaufen. Es braucht bessere Rahmenbedingungen für Innovationen zur Bekämpfung der Erderwärmung. Es braucht staatliche Anreize für Technologiesprünge durch steuerliche Zuschüsse und Unterstützungen etwa für Elektroautos. Wie könnte hierzulande eine ruhige, planvolle Bekämpfung der Erderwärmung aussehen? Wie kann den BürgerInnen ein Transformationsprozesses hin zu mehr Nachhaltigkeit vermittelt werden? 2021 schrieb die Grüne Bundeskanzlerkandidatin Annalena Baerbock optimistisch in ihrem vieldiskutierten Buch: „Die Kombination von erneuerbaren Energien, Wasserstoff und künstlicher Intelligenz wäre der nächste wichtige Technologiesprung. Sie könnte der Durchbruch zu einer modernen Weltwirtschaft werden.“ (Annalena Baerbock, Jetzt. Wie wir unser Land erneuern, S. 85) Als Bundesaußenministerin streitet sie heute mit Frankreich, da Präsident Macron die Risikotechnologie Atomkraft von der EU als investitionswürdige grüne Energie einstufen lassen möchte.

Im NED 12/21 widme ich mich fünf Monografien, die u.a. technische Innovationen zur Eindämmung des Klimawandels und des Artensterbens sowie TA-relevante Fragen von Fleischkonsum und von Giften behandeln.

Ausrufung des Klimanotstandes – Gespräche mit WissenschaftlerInnen und AktivistInnen

2020 sollten die Staaten gemäß dem Pariser Klimaabkommen von 2015 Pläne zur Absenkung ihrer nationalen Emissionen vorlegen. Die Corona-Pandemie verzögerte den Zeitplan dieser Sicherung der nationalen Klimapläne. Die Treibhausgasemissionen steigen weltweit. Die Biologin und Wissenschaftsjournalistin Anja Paumen veröffentlichte Projekt Klimaschutz - was jetzt geschehen muss, um noch die Kurve zu kriegen (2021) mit zahlreichen Tabellen, Abbildungen und Info-Boxen, in denen Daten und Zusammenhänge erläutert und sortiert werden. Neben dem wissenschaftlichen Verstehen, hält sie auch politische Maßnahmen und eine gesellschaftliche Mitwirkung für wichtig.

Ernst Ulrich von Weizsäcker erklärt in einem Vorwort, dass weltweit Investitionen in Richtung einer CO2-armen Zukunft umgelenkt werden sollten, hin zur „Entwicklung emissionsarmer Technologien, Verkehrswege und Lebensstile“ (S. 12). Paumen betont, dass für die Elektrifizierung von Städten die Energieversorgung durch die Erneuerbaren wie Windparks und Photovoltaikanlagen neu gedacht und geplant werden muss. Zentral gesteuerte intelligente Stromnetze, sogenannte Smart-Grids, hält Paumen für „unerlässlich“ (S. 55), um Schwankungen durch Zeiten etwa ohne Wind und ohne Sonnenschein auszugleichen.

Für ihren Band spricht Paumen in einem eigenen Schwerpunkt mit Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen. Stefan C. Aykut, Professor für Soziologie an der Universität Hamburg, erklärt, dass er die Diskussion, ob Corona gut für das Klima sei, für verfehlt hält: „Die Emissionen, die jetzt ausbleiben, werden dann in den nächsten Jahren kompensiert oder sogar überkompensiert.“ (S. 111) Aykut findet den weiterhin hohen Atomstromanteil in Frankreich höchst problematisch: „In Frankreich kommen immer noch 75 Prozent der Elektrizität aus Atomstrom.“ (S. 124) Insbesondere die Eliten blockierten eine Umsetzung von Erneuerbaren, da Machthabende mit der Atemenergie sehr verwoben seien, so Aykut. Hier verschenke Frankreich viel Potenzial im Vergleich zu Deutschland: „Es hat sowohl mehr Sonneneinstrahlung als auch mehr Wind und es kann verschiedene Formen von Meeresenergie nutzen, weil es extrem viel Küste hat.“ (S. 125)

Wissenschaftsjournalistin Paumen spricht auch mit Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung »Energie, Verkehr, Umwelt« am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin, sowie Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg. Kemfert möchte für die Zukunft den Schienenverkehr, den ÖPNV und die Elektromobilität durch u.a. neue Apps mit umweltschonenden Mobilitätsvarianten stärken: „Das alles muss durch die Digitalisierung zu einer ganz neuen Form von Dienstleistungen rund um das Thema der Mobilität führen.“ (S. 157) Auch durch eine Umstiegsprämie als Gegenentwurf einer Kaufprämie für Autos möchte sie andere Mobilitätsangebote fördern: „Die Umstiegsprämie würde man entweder für den Kauf eines Fahrrads, eines Elektrofahrrads, eines Lastenbikes oder für den Kauf einer Bahncard oder einer ÖPNV Jahreskarte nutzen.“ (S. 157) Neue Industriezweige etwa zur Gewinnung klimaschonender Antriebe wie synthetischer Kraftstoffe betrachtet Kemfert als mögliche Arbeitgeber der Zukunft (S. 158). Für die Energiewende brauche es insbesondere auch gezielte Förderungen wie etwa für Innovationen (S. 163ff.). Kemfert stellt die Idee sogenannter CO2-Differenzverträge vor (S.166). Für ein nachhaltiges Wirtschaften betont Kemfert neben emissionsarmen Technologien den Wert der Kreislaufwirtschaft, von Recycling und regionaler Wertschöpfung (S. 169).

Lukas Mielczarek, Aktivist bei Fridays for Future, seit 2020 Abgeordneter der Grünen im Düsseldorfer Stadtrat und dort stellvertretender Vorsitzender des Umweltausschusses, sieht wie Kemfert die Verkehrswende und eine einhergehende Förderung von Radverkehr und ÖPNV als ein Schwerpunktthema zur Bekämpfung des Klimawandels (S. 180). Mielczarek rief mit anderen Aktivisten in seiner Kommune den Klimanotstand aus, auch um somit Druck auf die KommunalpolitikerInnen auzuüben. Die jungen BürgerInnen verbanden mit ihren Antrag konkrete Zielsetzungen (S. 183).

Paumens letzte Interviewpartnerin im Band ist die Meteorologin Daniela Jacob, Direktorin des Climate Service Centers Germany (GERICS) in Hamburg und Gastprofessorin an der Leuphana Universität in Lüneburg. Im GERICS, einem Institut des Helmholtz-Zentrums Geesthacht, entwickelt Jacobs als Wissenschaftlerin und Wissenschaftsmanagerin „Produkte, Daten, Methoden, Richtlinien, um der Gesellschaft zu helfen, sich besser an den Klimawandel anzupassen.“ (S. 234) Mithilfe regionaler Szenarien wurde etwa das zukünftige Klimarisiko des Hamburger Hafens ermittelt, u.a. am Beispiel der zukünftigen Hauptwindrichtung und Temperatur, der Nebel- und Eishäufigkeit (S. 235). Computermodelle errechnen hier eine Zeitreihe des Wetters und ermitteln so auch mögliche zukünftige Wetterextreme wie Starkregen mit großer Niederschlagsmenge. Unsicherheiten bleiben bei Klimamodellen für die Zukunft, so Jacobs: „Der Gehalt an Treibhausgasen wird noch von anderen Faktoren bestimmt, etwa von Vulkanausbrüchen, die Kohlendioxid in die Luft schleudern. Vulkanausbrüche können wir auch nicht vorhersagen.“ (S. 236) Jacobs zufolge haben auch „Berg- und Tal-Winde oder Land- und See-Zirkulation“ (S. 238) Wechsel- und Auswirkungen auf regionaler und lokaler Ebene. Jacobs blickt optimistisch auf die mögliche Transformation beim Thema Klimawandel: „Wir haben jetzt die Chance, eine neue CO2-arme Ära mitzugestalten. Sie muss sich sowieso durchsetzen, ob wir wollen oder nicht. Denn sonst sterben wir aus.

Der Erdüberlastung begegnen – Langfristige systemische Wertschöpfungen für das Innovationsziel Nachhaltigkeit

Der Klimawandel, die Verschmutzung der Meere und Wälder, die Zerstörung der Ökosysteme und das Artensterben deuten auf eine ökologische Entfremdung, die oft einhergeht mit einer sozialen und spirituellen Entfremdung, so Dr. Dorothea Ernst in ihrem Band Nachhaltigkeit effektiv gestalten. Wie Sie Ihre Organisation zukunftsfähig machen (2021) (S. 18f.). In ihrem Führungsratgeber für eine „Systemtransformation zu nachhaltigem Wirtschaften“ (S. 12) widmet sich die Autorin, die als Sustainable Catalyst bei der INFORM in Aachen arbeitet, unterschiedlichen Überlegungen für mehr Nachhaltigkeit. Ihr mit Praxisbeispielen, Begriffserläuterungen und Essenzen erhellend gestaltetes Buch betrachtet insbesondere auch Schattenseiten einer Technologiegläubigkeit und einer Ressourcennutzung, die die Erdkapazitäten erschöpft.

Dorothea Ernst war beim World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) beteiligt an der Entwicklung einer Vision 2050 für eine nachhaltige Zukunft, zusammen mit 29 multinationalen Konzernen. Eine einfache Sprache war wichtig zur Findung eines gemeinsamen Zieles (S. 27). Die Teilnehmenden entwickelten eine so genannte Pathway-Map als Kommunikationswerkzeug mit branchenübergreifenden Dekaden-Etappenzielen (S. 29ff.). Hierbei war für Unternehmen u. a. Resilienz wichtig; d.h. eine Fähigkeit zu entwickeln, sich an plötzliche Veränderungen schnell anpassen zu können (S. 33).

Ernst erinnert daran, dass pandemiebedingt Lieferketten unterbrochen wurden, dies jedoch in vielen Unternehmen Innovationen förderte (S. 39). Sie betrachtet Corona als Gesellschaftssysteminnovation und soziale Innovation: „Hätte sich Ende 2019 jemand vorstellen können, dass EU-Konferenzen per Video stattfinden oder Talk-Show-Gesprächspartner per Video-Schalte teilnehmen? Hätte jemand für möglich gehalten, dass Homeschooling von Videokonferenzen unterstützt wird?“ (S. 122) Ernst unterscheidet den Grad einer Innovationstiefe. Während die meisten Innovationen inkrementell, also kleinere unternehmerische Verbesserungen sind, betrachtet Ernst etwa das iPhone, Tesla-Autos oder Internet-Banking als radikale Innovationen, weil „grundsätzlich neue Ideen in Produkten und Dienstleistungen umgesetzt“ (S. 125) wurden. Als aktuelle Beispiele transformativer Innovationen, also Lösungen für Bedürfnisse, die bislang noch nicht bewusst waren, nennt die promovierte Physikerin Airbnb und Kryptowährungen wie Bitcoin (Ebd.).

Im Unterkapitel 'Kreislaufwirtschaft' beschäftigt sich Ernst mit komplementären Materialströmen biologischer und technischer Nährstoffe. Hier betont sie Kriterien für ein nachhaltiges Produktdesign und den einhergehenden Herstellungsprozess. Technische Nährstoffe, die nicht auf natürliche Art und Weise verfallen, wären demgemäß „so zu konzipieren, dass sie durch Reparatur, Upgrading, Wiederverwertung oder Recycling unendlich lange genutzt werden können.“ (S. 175) Ernst definiert ökologische Belastungsgrenzen (S. 131), erklärt Innovationsansätze wie etwa Biomimikry (von der Biologie inspirierte Produkte, wie der von der Klettpflanze inspirierte Klettverschluss) (S. 137), nennt Praxisbeispiele für langfristige Nachhaltigkeitsvisionen etwa beim niederländischen Konzern Philips und verweist schließlich auch auf einen Fußabdruck-Kalkulator zur Bestimmung des persönlichen Ressourcenverbrauchs.

Vom großem Kükentöten und tiefgefrorenem Sperma für Zuchttiere

Die Biomasse sogenannter Nutztiere belastet das Klima wie auch den Boden oder das Grundwasser deutlich. Die Anzahl von Nutztieren ist vielfach höher, als die der weltweit wild lebenden Tiere. Dr. Tanja Busse beantwortet in dem handlichen Sachbuch Fleischkonsum (2021) 33 Fragen zum Fleischverbrauch hierzulande, die oft auch TA-relevant sind. Deutschland hat erhebliche Defizite im Tierschutz (S. 25), zitiert Busse zu Anfang ein Gutachten des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Mastschweine leben hierzulande meist „in engen Buchten auf harten Spaltenböden ohne Einstreu“ (S. 22) und entwickeln so Schwellungen oder Klauenverletzungen. Ein ökologischer Landbau bringe „Vorteile für Wasser- und Klimaschutz, Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit“ (S. 27), betont die Autorin.

Bio-Tiere müssen weniger erdulden als konventionelle Tiere und leben deshalb gesünder. Sie haben Auslauf nach draußen, eine weiche Einstreu, mehr Platz, Luft und Licht im Stall. Problematisch für die Bio-Branche ist, dass die Nachfrage nach Bio-Milch oder –Eiern deutlich stärker stieg, als die nach Bio-Fleisch (S. 28). Bio-Milcherzeuger verkaufen so Bullenkälber oft an konventionelle Kälbermäster, was neben hohem Infektionsrisiko und einer Mast in engen Ställen ohne Auslauf auch lange Transportstrecken für die etwa zwei Wochen alten Kälber bedeute, um früh geschlachtet zu werden (Ebd.): „In Australien werden nach offiziellen Angaben der Milchindustrie jedes Jahr mehr als 700 000 männliche Bullenkälber wenige Tage nach der Geburt getötet.“ (S. 35)

2019 wurden auch hierzulande täglich etwa zwei Millionen Tiere geschlachtet (S. 54), überwiegend in Betäubungsanlagen und vollautomatisch (S. 55f.). Jährlich werden auch etwa 45 Millionen männliche Küken in der Legehennenzucht sofort nach dem Schlüpfen getötet (S. 38). Hühnerküken werden von den Brutschränken auf Förderbändern zu sogenannten Kükensexern transportiert. Ausgebildete Mitarbeitende sorgen männliche Küken aus, die mit Kohlendioxid vergast und im Müll oder Tierfutter entsorgt werden (S. 39). Das Kükentöten ist jedoch seit 2022 verboten (S. 42). In der Legehennenzucht werden derzeit Hightech-Geschlechtsbestimmungs-Verfahren etwa mittels PCR-Technik oder Spektroskopie geprüft, um männliche Küken erst gar nicht schlüpfen zu lassen. Die Geschlechtsbestimmung wird die Branche jährlich 147,5 Millionen Euro kosten, was wohl auf die Eierpreise umgelegt wird (S. 44). Ab 2024 soll jedoch auch gesetzlich verboten werden, „Hühnerembryonen nach dem sechsten Tag der Bebrütung zu töten“ (S. 43).

Tanja Busse kritisiert, dass große Zuchtkonzerne mit künstlicher Besamung auf Grundlage genomischer Analysen von Embryonen arbeiten: „Das führt zu einem unnatürlich engen Genpool, der zur Verbreitung von genetisch bedingten Krankheiten und Schwächen führen kann, die bei der Genomanalyse der Zuchttiere nicht erkannt werden, während andere unentdeckte Eigenschaften, etwa Widerstandsfähigkeit gegenüber Infektionskrankheiten, verloren gehen können.“ (S. 33) Industrielle Tierhaltung erhöht so auch das Risiko für weitere Pandemien (S. 80f.). Die Autorin berichtet, dass die Bioanbauverbände Bioland und Demeter 2015 die gemeinnützige Ökologische Tierzucht (ÖTZ) ins Leben riefen, die Hühnerrassen gründen, „deren Genetik nicht im Besitz großer Konzerne ist“ (S. 47).

Die Journalistin skizziert noch aktuelle Forschung zu künstlichen Laborfleisch „ohne Tierleid“ (S. 106) durch die Vermehrung natürlicher Zellen. Hierzu experimentieren Start-ups und Konzerne in Bioreaktoren. Insgesamt empfiehlt aktuelle Forschung, um zukunftsfähig zu bleiben (S. 113) „bessere Haltungsbedingungen für die Tiere, höhere Standards und klare Kennzeichnungen.“ (S. 115). Der Band endet mit einer Prognose, dass der Markt für Fleischalternativen auch zukünftig wachsen wird und Alternativen auch weniger Emissionen verursachen als Tierfleisch (S. 120).

Genscheren, invasive Arten und das Kollabieren des Ökosystems

Wir haben in unserem Handeln die Natur und ihr Prozesse nicht im Blick,“ so Lothar Frenz in dem Prolog zu seinem Sachbuch Wer wird überleben?  (2021) über das Artensterben und eine fragile Welt (S. 9). Der Biologe und Journalist spannt weite Bögen, berichtet von Schutzgebieten, in denen seltene Tierarten angesiedelt wurden und setzt sich mit der Bedeutung der Genlabore für die Artenvielfalt auseinander. Dabei beleuchtet Frenz stets anschaulich Einzelfälle.

Die asiatischen Silberkarpfen vermehren sich in den Great Lakes Nordamerikas und fressen anderen Fischen die Nahrungsgrundlage Plankton weg. Wenn der, bis zu drei Meter in die Luft springende Fisch sich woanders weiter ausbreitet, „würden mit großer Wahrscheinlichkeit die Fischbestände zusammenbrechen.“ (S. 319) Um einem ökologischem Desaster aufgrund der invasiven Fische vorzubeugen entwickelten Ingenieure in Illinois eine elektrische Barriere. Unterhalb der Wasserlinie eines fast zehn Meter tiefen und etwa fünfzig Meter breiten Kanals sollen Metallelektroden und regelmäßige Strompulse den Silberkarpfen den Zugang verwehren, während Schiffe weiterhin passieren dürfen (S. 317).

Heute werden auch Methoden entwickelt, „bei der gezielt das Erbgut verändert werden soll“, um invasive Arten verschwinden zu lassen, ohne dass diese „erschlagen oder vergiftet werden“ (S. 331) müssen. Frenz stellt sogenannte Genscheren, genannt CRISPR, vor, mit denen Biologen in der Lage sind, „das Erbgut von Organismen gezielt zurechtzuschneiden und zu verändern.“ (S. 334). Gensequenzen können hierbei aus einem DNS-Strang geschnitten und offene Enden aufgeschnittener Stränge neu verbunden werden: „So können hornlose Kühe, Hühner, die allergenfreie Eier legen, oder Schweine, die resistent gegen die Afrikanische Schweinepest sind, hergestellt werden.“ (S. 335)

Frenz diskutiert mit anderen Wissenschaftlern über die Folgen synthetischer Biologie (S. 343ff.). Er befürwortet einen sogenannten targeted gene flow, etwa durch das Aussetzen resistenter Individuen zur Rettung gefährdeter Spezies, da beobachtet wurde, dass Tiere Vorsicht hinsichtlich möglicher neuerer Gefahren an ihre Nachkommen vererben. Lothar Frenz findet weltweit Beispiele für gefährdete Arten und spricht mit vielen Artenschützern über Denkansätze und Methoden.

Nasenspray, Lampenöl und Aluminium – Der Umgang mit möglichen alltäglichen Giften

In Vorsicht, da steckt Gift drin! (2021) bietet Dr. Carsten Schleh Hilfestellungen an, die tatsächliche Gefährdung durch mögliche Gifte des Alltags einzuschätzen. Der Biologe arbeitete in der toxikologischen Grundlagenforschung nach einer toxikolgisch ausgerichteten Promotion am Fraunhofer Institut. Sein Ratgeber ist für Laien verständlich gehalten. Er schrecke dabei bewusst auch nicht vor oberflächlichen, plakativen oder umgangssprachlichen Begrifflichkeiten zurück, so der Autor im Vorwort (S. 10).

120 000 BürgerInnen seien in Deutschland süchtig nach einem apothekenpflichtigen abschwellenden Nasenspray mit dem Wirkstoff Xylometazolin, zitiert Schleh einen Bremer Pharmakologen. So werde die Nasenschleimhaut geschädigt und ausgetrocknet, was mitunter zu einem Abbau von Knorpelgewebe und einem „schleimigen Film“ (S. 32) von Bakterien führe. Schleh warnt vor Gewöhnungseffekten durch Abhängigkeits- beziehungsweise Missbrauchsphasen (S. 33).

In einem anderen Kapitel widmet sich Schleh dem Lampenöl, also einem Sammelsurium von Ölen für Verbrennung in Lampen wie etwa Petroleum. Gefärbte und parfümierte Lampenöle führten seit den 1990er-Jahren zu größeren Vergiftungen, da insbesondere Kleinkinder kleine Mengen verschluckten, wenn sie etwa an dem Docht einer Lampe nuckelten. Sie erlitten oftmals dadurch große Lungenschäden, manche Kinder starben sogar. Kindersichere Verschlüsse, ungefärbte und unparfümierte Lampenöle und strengere Regulierungen führten zu einem Rückgang der Vergiftungen aufgrund geschluckter Lampenöle (S. 226). Anfang der 2000er-Jahre vergifteten jedoch auf gleiche Art flüssige Grillanzünder Kleinkinder, da sie sich in der Rezeptur von Lampenölen nicht unterschieden. Schleh rät Eltern mit Kleinkindern keine Lampenöle oder Grillanzünder mit Kennzeichnung der Aspirationsgefahr zu kaufen oder sie unerreichbar aufzubewahren. Auch Öllampen sollten Eltern mit Kleinkindern stets im Blick haben.

Aluminium ist „thermisch und elektrisch leitfähig, leicht und billig“ (S. 254). Es wird als „das am häufigsten in der Erdkruste vorkommende Metall“ (S. 256) etwa in Küchengeräten, beim Backen von Brezel-Teiglingen (S. 254) oder „in kosmetischen Produkten wie Cremes und eben Deodorants“ (S. 255) verwendet. Schleh vermutet jedoch unter Rückbezug auf aktuelle Forschung, dass Aluminium toxikologische Schäden wie Entzündungen verursacht und zu Gehirnstörungen oder der Förderung von Alzheimer und Brustkrebs führen kann (Seite 251, S. 256). Die „Mechanismen der Toxizität“ (S. 256) sind jedoch noch nicht eindeutig aufgeklärt und es gibt bisher nur wissenschaftlich abgeleitete, grobe Schätzungen, dass die Aluminiumaufnahme etwa über die Nahrung Gesundheitsschäden verursachen kann. Er rät seinen LeserInnen deshalb, eine Belastung so gering wie möglich zu halten und etwa keine Aluminiumfolie im Kontakt mit Lebensmitteln zu verwenden.

Für den NED 12/21 wurden aus 143 automatisch selektierten Buchtiteln aus dem Datenbestand der Deutschen Nationalbibliothek insgesamt 26 Buchtitel ausgewählt.

Die bibliografischen Angaben lauten wie folgt:

(2021): Macher der Mobilität; Visionen und Ideen zur Mobilität von Morgen. Wiesbaden: Springer Vieweg. http://d-nb.info/1242753192, 70 Seiten.

(2021): PCIM Asia 2021; International Exhibition and Conference for Power Electronics, Intelligent Motion, Renewable Energy and Energy Management : 9-11 September 2021, Shenzhen, China : proceedings. Offenbach: VDE VERLAG. ISBN: 978-3-8007-5620-9. http://d-nb.info/1241028249, 1 CD-ROM.

Bates, Albert K. (2021): Cool down; mit Pflanzenkohle die Klimakrise lösen? München: oekom verlag. ISBN: 978-3-96238-250-6. http://d-nb.info/1220716081, 343 Seiten.

Boeckmann, Klaus-Börge (Hrsg.) (2020): Sprachliche Bildung in der Migrationsgesellschaft. Band 13. Wien: Leykam. ISBN: 978-3-7011-0459-8. http://d-nb.info/1221388797, 199 Seiten.

Busse, Tanja (2021): 33 Fragen - 33 Antworten Fleischkonsum. München: Piper. ISBN: 978-3-492-31739-9. http://d-nb.info/1219865095, 123 Seiten.

Eichler, Katharina (2020): Ganzheitliche Simulation des Organic Rankine Cycles für eine Nutzfahrzeuganwendung; = Holistic simulation of an organic rankine cycle for commercial vehicle applications. Aachen: Hochschulschrift. http://d-nb.info/1239665873, 241 Seiten.

Eigner, Martin (2021): System lifecycle management; Digitalisierung des Engineering. Berlin: Springer Vieweg. ISBN: 978-3-662-62182-0. http://d-nb.info/1213592763, 279 Seiten.

Engelhardt, Nina (2021): Erfinden, Schöpfen, Machen; Körper- und Imaginationstechniken. Band 23. Bielefeld: transcript. ISBN: 978-3-8376-4837-9. http://d-nb.info/1221455664, 334 Seiten.

Ernst, Dorothea (2021): Nachhaltigkeit effektiv gestalten; wie Sie Ihre Organisation zukunftsfähig machen. Offenbach: GABAL. ISBN: 978-3-96739-076-6. http://d-nb.info/1231170476, 208 Seiten.

Foerster, Lena (2021): Hochofen, Maloche und "Gastarbeiter"; Ausländerbeschäftigung in Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets in den 1950er bis 1980er Jahren. Reihe Beiträge zur Unternehmensgeschichte Band 37. Stuttgart: Franz Steiner Verlag. ISBN: 978-3-515-13122-3. http://d-nb.info/1239384688, 306 Seiten.

Frenz, Lothar (2021): Wer wird überleben?; die Zukunft von Natur und Mensch. Berlin: Rowohlt. ISBN: 978-3-7371-0054-0, http://d-nb.info/122148866X, 445 Seiten.

Gertz, Carsten (Hrsg.) (2021): Verkehrsplanung, Bau und Betrieb von Verkehrsanlagen; Technik - Organisation – Wirtschaftlichkeit. 3. Auflage. Wiesbaden: Springer Vieweg. ISBN: 978-3-658-29499-1. http://d-nb.info/1209495783, 292 Seiten.

Heidenreich, Sybille (2021): Dieœ Krise des Fortschritts und der Traum von der sauberen Energie; Bilder von Fortschritt, Elektrizität und Natur. Band 26. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN: 978-3-525-31133-2. http://d-nb.info/1230489495, 191 Seiten.

Klumpp, Dieter (2020): Technikwandel und Volksparteien; technologiepolitische Strategien von SPD und CDU für Kommunikationssysteme vor der Jahrtausendwende. Band 88. Mössingen: Talheimer Verlag. ISBN: 978-3-89376-188-3. http://d-nb.info/1223719847, 736 Seiten.

Nitschke, Michél (2020): Beratung zu altersgerechten Assistenzsystemen; eine lebensweltorientierte Konzeption für die Praxis. Wiesbaden: Springer VS, ISBN: 978-3-658-32507-7. http://d-nb.info/1220520489, 275 Seiten.

Paumen, Anja (2021): Projekt Klimaschutz; was jetzt geschehen muss, um noch die Kurve zu kriegen. München: oekom verlag. ISBN: 978-3-96238-295-7. http://d-nb.info/123117000X, 319 Seiten.

Rathi, Akshat (Hrsg.) (2021): Klima ist für alle da; wie 60 junge Menschen uns dazu inspirieren, die Welt zu retten. München: Blanvalet. ISBN: 978-3-7645-0778-7. http://d-nb.info/1230761098, 319 Seiten.

Sachs, Burkhard (2021): Grundlinien einer kritischen Theorie technischer Bildung. Band 2. Baltmannsweiler : Schneider Verlag Hohengehren GmbH. ISBN: 978-3-8340-2172-4. http://d-nb.info/123744537X, 342 Seiten.

Schleh, Carsten (2021): Vorsicht, da steckt Gift drin!; wo in unserem Alltag Schadstoffe versteckt sind, wie sie uns krank machen und wie wir uns schützen. München: riva. ISBN: 978-3-7423-1684-4. http://d-nb.info/123312966X, 304 Seiten.

Schönborn, Sophia (2020): Nachhaltigkeitsinnovationen im Fokus; eine kumulative Dissertation zu engagierten Akteuren als Treiber von Transformationsprozessen. Essen: Hochschulschrift. http://d-nb.info/1244244244, 335 Blätter.

Schreiber, Markus (2021): Klimaschutz als moralische Notwendigkeit und deren Thematisierung im Ethikunterricht der Regelschule. Berlin: wvb Wissenschaftlicher Verlag. ISBN: 978-3-96138-253-8. http://d-nb.info/1225885868, 112 Seiten.

Seibert, Thomas (2021): Machtkampf am Mittelmeer; neue Kriege um Gas, Einfluss und Migration. Band 10741. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. ISBN: 978-3-7425-0741-9. http://d-nb.info/1246310325, 239 Seiten.

Thiel, Joachim (2021): Constructing innovation: how large-scale projects drive novelty in the construction Industry. Berlin: Jovis. ISBN: 978-3-86859-678-6. http://d-nb.info/1230633987, 224 Seiten.

Veit, Winfried (2020): Europas Kern; eine Strategie für die EU von morgen. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH. ISBN: 978-3-8012-0571-3. http://d-nb.info/1201429560, 158 Seiten.

Wellbrock, Wanja (Hrsg.); Ludin, Daniela (Hrsg.) (2021): Nachhaltiger Konsum; Best Practices aus Wissenschaft, Unternehmenspraxis, Gesellschaft, Verwaltung und Politik. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN: 978-3-658-33352-2. http://d-nb.info/1226322972, 975 Seiten.

Wolbring, Tobias (Hrsg.) (2021): Sozialwissenschaftliche Datenerhebung im digitalen Zeitalter. Wiesbaden: Springer VS. ISBN: 978-3-658-34395-8. http://d-nb.info/1233132229, 286 Seiten.

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