Friedensstiftung durch übergreifende Kooperationen, Netzwerkeffekte als Innovationstreiber

Publikationsdatum: 04.03.22 09:30    Letzte Aktualisierung: 20.06.22 11:02

Editorial zum openTA-Neuerscheinungsdienst „über den TAellerrand“ (NED) Januar 2022.

Ein Beitrag von Ansgar Skoda

Der Karneval stand auch im Rheinland im Zeichen von Friedensdemos und Solidaritätsbekundungen für die Ukraine. Wladimir Putins völkerrechtswidriger Angriffskrieg zerstört ein modernes, demokratisches Land und als sicher geglaubte Allianzen. Russland möchte nicht nur Europas liberale Demokratien destabilisieren, sondern bedroht auch als wichtiger Gas- und Öl-Exporteur die Energiesicherheit.

Der Krieg in Europa gefährdet so auch das hiesige Netz der Energieversorgung, insbesondere eine Nutzung der kostspieligen Ostseepipeline Nord Stream 2 mit Gas aus Russland. BürgerInnen fürchten nicht nur explodierende Energiepreise, sondern auch eine zukünftig stärkere Allianz aus Russland und China gegen westliche Demokratien. Putins weitreichenden Drohungen provozieren auch neue Diskussionen über das Ausmaß der Rüstungsausgaben Deutschlands.

Seit 2018 steigerten neben der Ukraine auch die Nato-Staaten Bulgarien, Lettland und Polen ihre Militärausgaben aufgrund ihrer Furcht vor einem Einfall Russlands. 30 Staaten fordern seit 2020 ein Verbot tödlicher autonomer Waffensysteme. Russland war eine der wenigen Nationen (neben Australien, China, Israel, Südkorea, Großbritannien und den USA), die das Zustandekommen eines internationalen Vertrags zur Reglementierung autonomer Waffen blockierten. Kriegseinsätze hinterlassen verheerende ökologische Fußabdrücke und gelten als größter Klimakiller. Kriegerische Konflikte werfen somit Nachhaltigkeitsbemühungen zur Eindämmung des Klimawandels zurück. Der jüngste Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC warnt, dass der Klimaschutz ab sofort höchste Priorität haben muss. Am Tag der Veröffentlichung des letzten Neuerscheinungsdienstes zum Schwerpunkt Klimaschutz gründete das KIT bemerkenswerterweise das Karlsruher Transformationszentrum für Nachhaltigkeit und Kulturwandel (KAT).

Im NED 1/22 widme ich mich nun fünf TA-relevanten Werken, die u.a. kollektive Zukunftsängste, digitale Innovationen, intelligente Technologien, nachhaltiges Unternehmertum und neue Ansätze für ein gerechteres Bildungssystem beleuchten.

Der Hightech-Spaltung entgegenwirken – Suche nach zielgenauerem politischen Instrumentarium

Sozialer Kapitalismus! von Paul Collier erhielt 2019 auf der Frankfurter Buchmesse den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis. Der Alarmruf des britischen Wirtschaftswissenschaftlers, hierzulande erstmals beim Siedler Verlag erschienen, wurde 2021 beim deutschen Ableger von Penguin wiederveröffentlicht. Das Werk des Professors für Ökonomie an der Universität Oxford problematisiert Zukunftsängste der BürgerInnen, die er an einer erhöhten Sparquote, einer geringen Fertilitätsrate und am schwindenden Vertrauen in PolitikerInnen festmacht: „Die Bürger vertrauen ihren Regierungen immer weniger und dafür den sozialen Medien immer mehr.“ (S. 10)

Der Autor überlegt in seinem Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft, so der Untertitel, ethisch fundierte und pragmatisch konzipierte Strategien für politische Systeme, gefördert durch eine kritische Masse von BürgerInnen und unterstützt durch Social Media. Sein Leitspruch ist hier: „Gemeinsame Identität wird zur Grundlage weitsichtiger Gegenseitigkeit.“ (S. 291)

Der frühere Leiter der Forschungsabteilung der Weltbank hebt hervor, dass die Weltbevölkerung auch aufgrund der Klimakrise darauf angewiesen ist, „dass Organisationen der internationalen Hilfeleistung gut funktionieren“ (S. 167). Es braucht ihm zufolge eine informelle Einigung von Ländern gemeinsam Verpflichtungen anzugehen, trotz individueller geopolitischer Interessen: „In Bezug auf drohende globale Probleme wie den Klimawandel, Pandemien und fragile Staaten werden sie jedoch in zunehmendem Maße ein gemeinsames Interesse entwickeln.“ (S. 168) Er rät einen Mehrzweck-Club zu gründen, „der gegenwärtigen wirtschaftlichen und militärischen Machtverhältnissen Rechnung trüge“ (S. 167). Collier hält den G20-Zusammenschluss für zu groß, zu disparat und zu unbeständig und bedauert, dass dem G7-Zusammenschluss weder China noch Indien angehören. Zu den wichtigen Ländern seiner anvisierten Gruppe zählt Collier auch Russland: „Eine kleine Gruppe, die sich aus China, Indien, den USA, der EU, Russland und Japan zusammensetzte, würde einen so großen Teil der globalen Wirtschaftsleistungen und der militärischen Fähigkeiten repräsentieren, dass sie ein gemeinsames Interesse daran hätte, globale Probleme zu lösen, selbst wenn Nichtmitglieder sich als Trittbrettfahrer erweisen sollten.“ (S. 168)

Paul Collier widmet sich ausführlich der digitalen Wirtschaft. Er problematisiert, dass Netzwerk-Industrien, wie Facebook, Google, Amazon, eBay und Uber sich in ihren Nischen zu globalen Monopolen entwickeln, ihr Wert jedoch überwiegend ein immaterieller Vermögensgegenstand ist. Netzwerke entziehen sich Collier zufolge einzelstaatlichen gesetzgeberischen Maßnahmen, da sie keinen festen Standort haben. Er warnt: „Als nicht regulierte natürliche Monopole in Privatbesitz sind sie höchst gefährlich.“ (S. 127)

Der Wirtschaftswissenschaftler kritisiert auch, dass am Aktienmarkt rund 60 Prozent der Transaktionen automatisiert sind. Entscheidungen hängen so von Computeralgorithmen ab, die Schlüsse aus jüngsten Bewegungen der Aktienkurse ziehen: „Direkte Erkenntnisse über das Unternehmen, sein Management, seine Mitarbeiter und seine Zukunftsaussichten, die nur durch langfristige, intensive Beschäftigung mit der Firma erworben werden können, bleiben dabei unberücksichtigt.“ (S. 114)

Collier betrachtet „neue, weltweit führende Cluster“ (S. 184) dank der Globalisierung. Er hält fest, dass Schwellenländer wie Südkorea heute die globale Stahlindustrie dominieren (Ebd.). Er spricht von einer beginnenden „Robotikrevolution“ (S. 246), in deren Folge sich routinemäßige Handlungen durch verstärkten Einsatz von Robotern ändern werden. ArbeitnehmerInnen werden nach Collier regelmäßig umlernen müssen: „In der Folge wird einer der arbeitsintensivsten Sektoren, der Aus- und Weiterbildungssektor, massiv expandieren müssen.“ (S. 247) Schlussendlich sieht der Ökonom Paul Collier die größte wirtschaftliche Gefahr in der „sich immer weiter öffnenden Wohlstandsschere zwischen Großstadt und Land sowie Hoch- und Geringqualifizierten“ (S. 293), was ihm zufolge auch zu politischen Bedrohungen wie dem Brexit oder der „Zersplitterung in antagonistische Identitäten“ (Ebd.) durch Echokammern der Social Media beitrug.

Daten sind das neue Öl – Wirtschaft mit ihrer Hilfe grüner gestalten

Der Band Das entscheidende Jahrzehnt (2021) widmet sich verändernden Regeln einer technologiegestärkten Wirtschaft in Zeiten der Corona-Krise und Klimakatastrophe. Die Autoren Felix Staeritz, Mitbegründer und CEO von FoundersLane und Vorstandsmitglied der Digital Leaders im Weltwirtschaftsforum, und Dr. Sven Jungmann, Arzt und Chief Medical Officer des Healthcare Vertical für FoundersLane, möchten WirtschaftsführerInnen Denkanstößen im Sinne von mehr Nachhaltigkeit geben (S. 35): „Nur durch Partnerschaften und Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen und Entrepreneuren, Bevölkerungsinitiativen und individuellen Konsumenten lässt sich die Klimakatastrophe vermeiden.“ (S. 57)

Die Autoren beobachten, dass „aggressive, digital-getriebene, plattformbasierte Unternehmen mit globaler Reichweite und enormer Wettbewerbsfähigkeit“ (S. 72) den Index der Weltmarktführer erobern. Als erfolgsversprechendes Geschäftsmodell sehen sie Erhebungen umfangreicher Marktdaten von NutzerInnen (S. 75), Prozesse so viel wie möglich zu automatisieren und zu digitalisieren (S. 76) und Nachfrage und Angebot über digitale Plattformen spontan und effizient zusammenzubringen: „Airbnb ist effektiv das größte Beherbergungsunternehmen weltweit, besitzt selbst jedoch keine Immobilien.“ (S. 80)

Staeritz und Jungmann untersuchen die Strukturen, Technologien und Arten der Zusammenarbeit in einer, auf bestimmte Nischen zugeschnittenen Adaption von Geschäftsmodellen wie dem von Amazon (S. 85). Die beiden Unternehmer stellen dabei das sogenannte Corporate Venture Building als Werkzeug vor, um im Unternehmen digitale neue Konzepte und plattformbasierte Geschäftsmodelle wirkungsvoll einzusetzen, verbunden mit dem Anreizsystem, Werte für die Gesellschaft und das Ökosystem zu schaffen (S. 35). Mögliche zukünftige Hürden für junge UnternehmerInnen werden in Das entscheidende Jahrzehnt genannt, wie etwa die Einführung neuer EU-Gesetze, um den Gebrauch von KI zu beschränken, Regeln zum digitalen Copyright und ein erwägtes Gesetz zur Erhebung digitaler Steuern in fast dreißig Ländern (S. 88).

Die Autoren skizzieren innovative Geschäftsideen, wie Latenzen neuer 5G-Netze für Kontrollsysteme in der Konstruktion selbstfahrender Autos (S. 48), autonome, KI-gesteuerte Selbstbedienungskiosks in China (S. 52), Roboterchirurgie aus der Ferne (S. 53), Tele-Intensivstationen (S. 53), Deep-Learning-Algorithmen, die klinische Spezialisten beim Erkennen äußerlicher Krankheitsanzeichen übertreffen (Ebd.), Sharing Economy mithilfe von Technologie (S. 60).

Der Band porträtiert auch Nachhaltigkeitsstrategien kreativer Startups. Jungmann und Staeritz sprechen mit GründerInnen wie Anna Alex von Planetly (S. 66f.). Planetly bringt durch den automatischen Abgleich von Datensammlungen Transparenz in den Messprozess von CO2-Bilanzen. Auch Entwicklungen im Hightech-Unternehmen Solytic im Bereich Monitoring-Software für Solarenergie werden ausgeführt (S. 277ff.): „Wenn ein Solarpaneel keine gute Leistung bringt oder ein Trafo fehlerhaft ist, meldet Solytic das in Echtzeit und empfiehlt korrigierende Maßnahmen.“ (S. 282) Ein neues Programm im Pharmakonzern Pfizer wird präsentiert, das besonders auf Zusammenarbeit und Co-Creation mit Start-ups abzielte. Seniorpartner brachten enorme Mengen an Daten wie Patientendetails, Verbindungen und Behandlungsmethoden ein. Peter Albiez, Country Manager bei Pfizer, sieht in den Daten enormes Potenzial für die Entwicklung von Diagnostik, neuen Medikamenten und besserer Prävention und Gesundheitsvorsorge (S. 108). Das mit vielen Tabellen und Infografiken anschaulich gestaltete Werk zeigt auf, dass hybride Betriebsmodelle (S. 263) wichtig für gemeinschaftliche Bewegungen sind, auch um effektiv etwas gegen den Klimawandel zu tun.

KI denkt nicht – Im Technozän haltlos „behütet von Maschinen“

Matthias Pfeffer, freier TV-Journalist und zwanzig Jahre Geschäftsführer und Chefredakteur von Focus TV, widmet sich in seiner Monografie Menschliches Denken und Künstliche Intelligenz (2021) Fragen der KI. Unter den zehn reichsten Unternehmen der Welt rangieren inzwischen acht digitale Unternehmen (S. 106), erklärt der Philosoph, der sich seit vielen Jahren mit KI-gesteuerten digitalen Datenwelten befasst.

Auch Autokrat Wladimir Putin äußerte bereits 2017 seine Ambitionen im Entwicklungsvorsprung KI: „Wer die KI beherrscht, beherrscht diese virtuelle Welt und damit auch die wirkliche.“ (S. 115) Da KI vom Prinzip her keine Grenzen, kein Bewusstsein und keine Verantwortung kennt, ist Matthias Pfeffers Sachbuch auch ein Plädoyer für die „soziale Dimension der Vernunft“ und „sprachliche Bedingtheit des menschlichen Denkens und Erkennens“ gegenüber der „einseitigen Begeisterung für Code und Programmierung“ (S. 146).

Pfeffer betrachtet eine Untersuchung, die nachwies, dass nach der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 Trump- und Biden-Sympathisanten auf Facebook unterschiedliche Wirklichkeiten angezeigt bekamen. Er problematisiert Echoräume auf Social Media als Katalysator gesellschaftlicher Spaltung: „Alles Folge eines Werbemodells, das auf Personalisierung setzt und dabei den gemeinsamen Grund von Überzeugungen, der die Basis von Gemeinsinn bildet, gezielt untergräbt.“ (S. 14) Ein weiteres Beispiel für fatale KI findet Pfeffer im Mess- und Programmier-Softwarefehler beim automatischen Steuerungssystem AMACS während eines Ethiopian Airline Fluges 2019. Hier starben alle 157 Insassen: „Die Schnittstelle Mensch-Maschine hatte im Falle der Boeing keine ausreichenden Eingriffsmöglichkeiten der Piloten gegen die sture Automatik einer Software vorgesehen, die den Faktor Mensch eliminierte.“ (S. 77)

Pfeffer warnt vor weitreichenderen Folgen von KI für den Menschen und seine Selbstbestimmung in „anderen Hochtechnologien wie Bioengineering, Nanotechnologie oder Quantencomputern“ (S. 29), insbesondere aber auch beim Kriegseinsatz: „Feindliche KI-Systeme, die selbstständig kämpfen, würden sehr schnell außer Kontrolle geraten.“ (S. 138) Der Autor betrachtet skeptisch und besorgt KI-Szenarien wie ein sogenanntes Metaversum des Tech-Giganten Facebook, einen virtuellen Raum aus zahllosen 3-D-Welten: „Physische Realität und virtuelle Welten sollen dabei zu einer neuen Realität verschmelzen – in denen dann natürlich Facebook die Regeln bestimmt.“ (S. 137)

Schlussendlich hält Matthias Pfeffer wiederholt fest, dass auf mathematischen Modellierungen der KI beruhende Wahrscheinlichkeitsrechnungen in einer ungewissen Welt, in der das Unvorhergesehene immer wieder eintritt, an Grenzen kommen. Deep Neural Networks funktionierten ihm zufolge vor allem in stabilen Welten wie Schach (S. 75). Auch wenn das menschliche Gehirn durch Computer im Sinne der Kybernetik nachgebaut und „aufgrund der potenziell höheren Leistungsfähigkeit technischer Systeme auch übertroffen werden“ (S. 99) könne, werden demgemäß Fähigkeiten wie Kritikfähigkeit (S. 87) in der KI-Diskussion zu sehr vernachlässigt. Erfahrungsqualitäten des Denkvollzuges oder des reflexiven Selbstbezuges fehlen oft (S. 82).

Nachhaltige Zukunftsszenarien - Deutsche Weinwirtschaft als ambitionierte Innovatoren

Marc Dreßler vermittelt im Band Nachhaltiges Unternehmertum (2021) Kompetenzen für das strategische Nachhaltigkeitsmanagement. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, lädt in dem Lehrbuch zu vernetztem, zukunftsoffenem, strategischem Denken ein und zeichnet Zukunftsszenarien. Die Beispiele zum Nachhaltigkeitsmanagement konzentrieren sich auf die Weinwirtschaft, die Dreßler als innovationsfreundlich einordnet: „Dies ist sicherlich auch durch die Branche bedingt, da jedes Jahr mit neuen Weinen sowie Reaktion auf unvorhergesehene Wettereinflüsse von den Betrieben Flexibilität und Veränderungsbereitschaft abverlangt wird.“ (S. 152)

Einfluss auf die Planungsbasis und Prognosen der Weinwirtschaft nehmen sogenannte Megatrends des gesellschaftlichen Wandels. So geht eine gesündere Lebensführung mit geringerem Alkoholkonsum einher. Die Verstädterung führt zu kleineren Haushalten ohne Lagerplatz. Verbraucher bewegen oft Themen wie Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung. Sie wünschen zunehmend eine Transparenz über Produkte, die Produktion und Logistikprozesse. Auch die Individualisierung von Produkten, E-Commerce und der Einfluss neuer Medien gewinnen für einen Markterfolg an Gewicht (S. 86f.).

Laut Dreßler braucht es Innovationen, um Umweltbelastungen in der Land- und Weinwirtschaft zu minimieren. Er zeigt Ansatzpunkte in der Kreislaufökonomie auf, etwa durch Schonung der Energie über den Einsatz dünnwandiger Weinflaschen oder das Recycling von Flaschen. Eine weitreichende Bedeutung für die Nachhaltigkeitssteuerung in Weinbaubetrieben schreibt Dreßler auch neuen Rebsorten mit pilzwiderstandsfähigen Eigenschaften zu: „Die Reduktion von Pflanzenschutzmitteln und deren Ausbringung schont die Umwelt und betriebliche Ressourcen“ (S. 155). Auch ressourcenfreundliche neue Wege mittels künstlicher Devices werden skizziert: „Neue Technologien wie Drohnen erlauben eine zielgerichtete Ausbringung von pflanzenschützenden Applikationen, ohne dass der Boden in Mitleidenschaft gezogen wird.“ (S. 154)

Forschung bezeugt, dass sich aus Biertreber Proteinquellen und Balaststoffe extrahieren lassen, aus denen Biokraftstoffe und mehr erzeugt werden können (S. 156). Als „vertical framing“ bezeichnet Dreßler eine Kultivierung von Reben in modernen Gewächshäusern aufgrund der exzessiven Klimaveränderung. Eine Automatisierung der Lese, der Nährstoffzugabe oder der Schädlingsbekämpfung durch Sensoren, Miniroboter, Drohnen und eine Berücksichtigung individueller Geschmackspräferenzen bei Kunden erwägt Dreßler als mögliche Zukunftsszenarien (S. 87). Da bleibt der Terroirgedanke digital auf der Strecke.

Neben zahlreichen Infografiken stechen Kästen mit Kurzinfos zu aktuellen Entwicklungen besonders hervor. Das Unternehmen RebenGlut bietet Rebenholz als Grillkohle an, also recyceltes Material aus den Weinbergen (S. 156). Unter zahlreichen skizzierten Praxisbeispielen sind auch einige, die mit Innovationspreisen ausgezeichnet wurden. So erhielt der auf Weinbau spezialisierte Maschinenbauer Braun gemeinsam mit dem Traktorhersteller Fendt einen Innovationspreis für eine automatisierte Fahrzeug- und Geräteführung zur mechanischen Unterstockbearbeitung der Reben „mittels Lasertechnik" (S. 235). Das Startup rebarriQue erhielt einen Preis für die nachhaltige Innovation zerlegbarer, rechteckiger Mehrweg-Barriquefässer (S. 156). Beim Weinausbau in Barriquefässern arbeitet das Weingut Sommos mit teilautomatisierter Robotik (S. 235). Das kalifornische Weingut Palmaz Winery arbeitet hingegen mit Wärmebildaufnahmen zur Überprüfung des Vegetationsfortschritts (Ebd.). Abbildungen, Tabellen, eine Linkliste, ein Indexverzeichnis und ein detailliertes Literaturverzeichnis runden das fundierte Lehrbuch ab.

Benachteiligte Kinder von Krisen besonders betroffen –Digitale Tools an Schulen stärken

Weniger innovationsfreundlich als die Weinwirtschaft erscheint oft das personell und materiell unterversorgte Schulsystem. In Mythos Bildung (2021) wirbt Aladin El-Mafaalani deshalb für eine Modifizierung des Bildungssystems. Der Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück wünscht sich eine konsistentere Strategie und mehr Übersichtlichkeit in den Rahmenbedingungen und Handlungsspielräumen von Schulen (S. 211). Der Soziologe erklärt, dass sich durch den sozialen Wandel und die Digitalisierung der Alltag von Kindern veränderte (S. 177).

El-Mafaalani widmet sich in einem eigenen Schwerpunkt den Auswirkungen der Pandemie auf das Schulsystem. Hier beleuchtet er, dass die Pandemie Kinder aus benachteiligten Milieus besonders hart traf. Es fehlte nicht nur weitgehend an Kompetenz und Erfahrung in der digitalen Lehre (S. 249), an digitalen Endgeräten und einem guten Internetzugang. Schulen sind in sozialen Brennpunkten tendenziell schlechter ausgestattet, etwa in Hinblick auf digitale Unterrichtsmöglichkeiten. Auch waren sogenannte Brennpunktschulen in Gegenden mit höherer Inzidenz zwischen den Lockdowns häufiger von Schulausfällen betroffen, etwa aufgrund von Quarantäne (S. 255).

Befunde zeigen dem Autor zufolge, dass die Versorgung mit Digitalisierung und digitalem Unterricht an Gymnasien um ein Vielfaches höher ist als an allen anderen Schulformen inklusive Grundschulen (S. 256). Insbesondere Grundschulen seien oft unterfinanziert und am wenigsten von bildungspolitischen Veränderungen betroffen, so El-Mafaalani (S. 177).

Der Autor sieht großes Potenzial in digitalen Mitteln für die Diagnostik und individuelle Förderung von SchülerInnen (S. 258): „Roboter oder Algorithmen können wahrscheinlich deutlich eher Talente entdecken als eine Lehrkraft.“ (S. 257) Digitale Unterstützungssysteme helfen laut El-Mafaalani auch, Ungleichheit zu verringern, weil sie Kinder nicht beschämen (S. 258): „Es gibt zum Beispiel mehrere Projekte, in denen ein Algorithmus im Mathematikunterricht erkennt, was genau die Kinder bei einer Aufgabe nicht können.“ (S. 257)

Bestsellerautor El-Mafaalani plädiert dafür, den pandemiebedingten Digitalisierungsschub durch Kooperationen mit den Schulen und den Lehrerverbänden und wissenschaftliche Evaluationen nachhaltig und strategisch an Schulen zu implementieren (S. 259). Für ein zielgerichtetes Vorgehen betont El-Mafaalani schließlich die Bedeutung von Daten und Analysen wie Lernstandserhebungen zur Qualitätssicherung an Schulen (S. 261).

Für den NED 1/22 wurden aus 287 automatisch selektierten Buchtiteln aus dem Datenbestand der Deutschen Nationalbibliothek insgesamt 47 Buchtitel ausgewählt:

(2021) Zielgerichtetes Risikomanagement für bessere Unternehmenssteuerung. Berlin: Erich Schmidt Verlag. ISBN: 978-3-503-20645-2. http://d-nb.info/1248711807, 90 Seiten.

Androsch, Hannes (2021): Digitalisierung verstehen; was wir über Arbeit, Bildung und die Gesellschaft der Zukunft wissen müssen. Wien: Brandstätter. ISBN: 978-3-7106-0567-3. http://d-nb.info/1231091274, 231 Seiten.

Benvenuto, Mark Anthony (2022): Green chemistry; water and its treatment. Reihe Green chemical processing Bd. 7. Berlin: De Gruyter. ISBN: 978-3-11-059730-1. http://d-nb.info/1220643211, 160 Seiten.

Bieri, Urs (2021): Digitalisierung der Schweizer Demokratie; technologische Revolution trifft auf traditionelles Meinungsbildungssystem. Zürich: vdf. Reihe TA-Swiss. Jg. 75. ISBN: 978-3-7281-4078-4. http://d-nb.info/1235281663, 233 Seiten.

Bittner, Marc-Philipp (Hrsg.); Guntermann, Anabel (Hrsg.); Müller, Christoph Benedikt (Hrsg.); Rostam, Darius (Hrsg.)(2021): Cybersecurity als Unternehmensleitungsaufgabe. Baden-Baden: Nomos. ISBN: 978-3-8487-8377-9. http://d-nb.info/1237772435, 156 Seiten.

Blackford, Russell (2021): At the dawn of a great transition; the question of radical enhancement. Basel: Schwabe Verlag. ISBN: 978-3-7965-4189-6. http://d-nb.info/1209561050, 203 Seiten.

Boos, Anna (2021): Szenarien zu Demokratie und Digitalisierung; ein partizipatives Zukunftsexperiment für die Schweiz. Zürich: vdf. Reihe TA-Swiss. Jg.: 77. ISBN: 978-3-7281-4082-1. http://d-nb.info/1235281876, 153 Seiten.

Bosch, Jule (2021): ÖKOnomie; so retten führende Unternehmensaktivist*innen unsere Zukunft. Frankfurt: Campus Verlag. ISBN: 978-3-593-51364-5. http://d-nb.info/1221077074, 279 Seiten.

Brandolisio, Alessandro (2021): The AI toolbook. Hamburg: Murmann. ISBN: 978-3-86774-648-9. http://d-nb.info/122181799X, 311 Seiten.

Collier, Paul (2021): Sozialer Kapitalismus!; mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft. München: Penguin Verlag. ISBN: 978-3-328-10601-2. http://d-nb.info/119861742X, 317 Seiten.

Di Fabio, Udo (2021): Chancen und Risiken in der Politik des Green Deal; Jahresheft des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Familienunternehmen. München: Stiftung Familienunternehmen. ISBN: 978-3-942467-95-7. http://d-nb.info/1229760679, 112 Seiten.

Dressler, Marc (2021): Nachhaltiges Unternehmertum; strategisches Management am Beispiel der Weinbranche. München: UVK Verlag. ISBN: 978-3-8252-5697-5. http://d-nb.info/1231096292, 296 Seiten.

Endter, Cordula (2021): Assistiert Altern; die Entwicklung digitaler Technologien für und mit älteren Menschen. Wiesbaden: Springer VS. ISBN: 978-3-658-34655-3. http://d-nb.info/1234331047, 303 Seiten.

Frahm, Gabriel (2021): Enterprise Risk Management; das Risikomanagement einer wertorientierten Unternehmenssteuerung. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN: 978-3-658-31283-1. http://d-nb.info/1213536642, 170 Seiten.

Frewer, Andreas; Franzò, Kerstin; Langmann, Elisabeth (2021): Die Zukunft von Medizin und Gesundheitswesen; Prognosen - Visionen – Utopien. Jahrbuch Ethik in der Klinik (JEK) Band 14. Würzburg: Königshausen & Neumann. ISBN: 978-3-8260-7484-4. http://d-nb.info/1249692121, 476 Seiten.

Friebe, Ina; Grunwald, Clara; Loose, Linda Loreen; Wahmkow, Jonas; Weber, Judith (2021): Solutions; nachhaltige Lösungen für eine lebenswerte Zukunft. München: oekom verlag. ISBN: 978-3-96238-313-8. http://d-nb.info/1234485885, 217 Seiten.

Genders, Sascha (2021): Wie Gier uns retten kann; Nachhaltigkeit, Unternehmertum und das Streben nach Gewinn. Berlin: Springer. ISBN: 978-3-662-63091-4. http://d-nb.info/1226453341, 185 Seiten.

Golowko, Nina (2021): Future skills in education; knowledge management, AI and sustainability as key factors in competence-oriented education. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN: 978-3-658-33996-8. http://d-nb.info/1230698957, 233 Seiten.

Gründer, Torsten (2021): IT-Outsourcing und Digitalisierung in der Praxis; Vorgehen - Steuerung - Kontrolle – Ergebnisqualität. 3., völlig neu bearbeitete und wesentlich erweiterte Auflage. Berlin: Erich Schmidt Verlag. ISBN: 978-3-503-19158-1. http://d-nb.info/1232936839, 671 Seiten.

Hansen, Solveig Lena (2021): Ethical challenges of organ transplantation; current debates and international perspectives. Bielefeld: transcript. ISBN: 978-3-8376-4643-6. http://d-nb.info/1177410044, 354 Seiten.

He, Zhangyuan (2021): Future sustainable urban freight network design in the large cities and megacities. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN: 978-3-658-34202-9. http://d-nb.info/1231672781, 200 Seiten.

Hupke, Klaus-Dieter (2021): Warum Nachhaltigkeit nicht nachhaltig ist. Berlin: Springer. ISBN: 978-3-662-63331-1. http://d-nb.info/1232428760, 200 Seiten.

Jackson, Tim (2021): Wie wollen wir leben?; Wege aus dem Wachstumswahn. München: oekom verlag. ISBN: 978-3-96238-292-6. http://d-nb.info/1231170220, 303 Seiten.

Junker, Christian (2021): Disruptive Innovation und Ambidextrie; Grundlagen, Handlungsempfehlungen, Case Studies. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN: 978-3-658-34165-7. http://d-nb.info/1231570563, 171 Seiten.

Klopfleisch, Reinhard (2021): Saubere Wärme für alle; Plädoyer für eine sozial gerechte Klimapolitik. München: oekom verlag. ISBN: 978-3-96238-314-5. http://d-nb.info/1244534463, 289 Seiten.

Krebs, Stefan (2021): Theœ Persistence of technology; histories of repair, reuse and disposal. Bielefeld: transcript. ISBN: 978-3-8376-4741-9. http://d-nb.info/117740852X, 289 Seiten.

Krüger, Kira (2021): Dieœ Ära der Datafizierung; Medieninnovation als Wandel der Medientypologien. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN: 978-3-658-34018-6. http://d-nb.info/1230698612, 273 Seiten.

Lang, Thomas (2021): Stakeholder Engagement Analyse; eine Meso-Mikro-Makro-Analyse nachhaltigkeitsthemenorientierter Stakeholderkommunikation am Fallbeispiel Volkswagen AG. Band 153. Wiesbaden: Springer Vieweg. ISBN: 978-3-658-33986-9. http://d-nb.info/1230698760, 373 Seiten.

Mafaalani, Aladin el- (2021): Mythos Bildung; die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft: mit einem Zusatzkapitel zur Coronakrise. Köln: Kiepenheuer & Witsch. http://d-nb.info/1232939692. ISBN: 978-3-462-00193-8, 334 Seiten.

Meinel, Christoph (2022): Design Thinking in der Bildung; Innovation kann man lernen. Weinheim: Wiley-VCH GmbH. ISBN: 978-3-527-51063-4. http://d-nb.info/1221151029, 469 Seiten.

Monnet, Rainer (2021): Wertebilanz; Werte nachhaltig bilanzieren - für eine zukunftsfähige Ökonomie. Band 372. Bretten: Lindemanns. ISBN: 978-3-96308-110-1. http://d-nb.info/123057283X, 211 Seiten.

Murswieck, Raphaël G. D. (2021): Innovation performance in the 21st century; designing business related to cultural, digital and environmental challenges. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN: 978-3-658-34760-4. http://d-nb.info/1235089312, 212 Seiten.

Niedermeier, Lisa (2021): Überlegungen zur partizipativen Gestaltung digitaler Transformation von Unternehmen. Band 18. Wien: Peter Lang. ISBN: 978-3-631-84238-6. http://d-nb.info/1238092969, 194 Seiten.

Pfeffer, Matthias (2021): Menschliches Denken und Künstliche Intelligenz; eine Aufforderung. Bonn: Dietz. ISBN: 978-3-8012-0617-8. http://d-nb.info/1233303007, 182 Seiten.

Povše, Johan (2021): Anforderungen an Smart City-Mobilitätslösungen; Lösungsansätze im Kontext von Mobilitätssicherung, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und Nachhaltigkeit. Frankfurt am Main: Verlag Wissen-Kompakt. ISBN: 978-3-943082-31-9. http://d-nb.info/1228566607, 164 Seiten.

Roorda, Niko (2021): Grundlagen der nachhaltigen Entwicklung; SWOT-Analyse und Lösungsstrategien. Berlin: Springer Vieweg. ISBN: 978-3-662-62867-6. http://d-nb.info/1221295896, 502 Seiten.

Schädlich, Sylvia (2021): Kompendium Kälte- und Klimatechnik; Grundlagen und Anwendungen. Offenbach: VDE Verlag GMBH. ISBN: 978-3-8007-5166-2. http://d-nb.info/1210064014, 370 Seiten.

Schipkow, Wassilij Alexandrowitsch (2021): Nach dem Menschen; Ideologie und Propaganda des Transhumanismus in der Postmoderne. Wachtendonk: Edition Hagia Sophia. Band 7. ISBN: 978-3-96321-013-6. http://d-nb.info/1236154886, 146 Seiten.

Schwab, Klaus (2022): Stakeholder-Kapitalismus; wie muss sich die globale Welt verändern, damit sie allen dient? Vorschläge des Weltwirtschaftsforums-Gründers. Weinheim: WILEY-VCH GmbH. ISBN: 978-3-527-51085-6. http://d-nb.info/1231097078, 414 Seiten.

Spieker, Arne (2021): Chance statt Show - Bürgerbeteiligung mit Virtual Reality & Co.; Akzeptanz und Wirkung der Visualisierung von Bauvorhaben. Wiesbaden: Springer VS. ISBN: 978-3-658-33081-1. http://d-nb.info/1224560132, 327 Seiten.

Spring, Catrin (2021): Energiesteuern in der Europäischen Union und in den Mitgliedstaaten als Nachhaltigkeitsinstrument; eine Policy-Mix-Analyse unter Beachtung verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse. Reihe Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung. Band 33. Marburg: Metropolis-Verlag. ISBN: 978-3-7316-1472-2. http://d-nb.info/1235284565, 796 Seiten.

Staeritz, Felix; Jungmann, Sven (2021): Das entscheidende Jahrzehnt; wie wir mit digitaler Innovation die nächsten Krisen meistern können. München: Redline Verlag. ISBN: 978-3-86881-842-0. http://d-nb.info/1222922711, 336 Seiten.

Quaschning, Volker (2022): Regenerative Energiesysteme; Technologie - Berechnung – Klimaschutz. 11., aktualisierte Auflage. München: Hanser. ISBN: 978-3-446-47163-4. http://d-nb.info/1243101601, 472 Seiten.

Qvortrup, Mads (2021): Winners and losers; which countries are successul and why? Wien: Peter Lang. ISBN: 978-1-80079-405-4. http://d-nb.info/1241506809, 138 Seiten.

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Wolff, Michael (2021): Soziale Teilhabe von älteren Menschen; empirischer Vergleich und sozialethische Reflexion dreier Wohlfahrtsstaaten. Band 9. Baden-Baden: Nomos. ISBN: 978-3-8487-8248-2. https://d-nb.info/1237835402/04, 321 Seiten.

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