Governance der Nachhaltigkeit im Fokus

Publikationsdatum: 11.05.17 18:00    Letzte Aktualisierung: 12.07.18 16:19

Editorial zum Online-Neuerscheinungsdienst "ÜBERDENTAELLERRAND" (NED) April 2017

Obwohl die Nachhaltigkeitsliteratur mittlerweile eine unüberschaubare Fülle erreicht hat, sorgt das Thema in all seinen Facetten weiterhin für Diskussionsbedarf, wie auch die April-Ausgabe des openTA-Neuerscheinungsdienstes zeigt (vgl. dazu die Oktoberausgabe des OpenTA-NED). Unter 36 ausgewählten Publikationen finden sich acht, die sich in der einen oder anderen Form mit Nachhaltigkeitsfragen beschäftigen. Dabei kommen ganz unterschiedliche Perspektiven zum Tragen: So nimmt Claudia Lubk in ihrer Dissertationsschrift die Übertragbarkeit des Nachhaltigkeitskonzepts auf die Arbeitsmarktpolitik unter die Lupe [Inhaltsverzeichnis], während Sven Bernigau (ebenfalls in seiner Doktorarbeit) die ?Komponenten einer Erfolg versprechenden Vermarktung von Nachhaltigkeitsinnovationen? am Beispiel der Biokraftstoffe herausarbeitet [Inhaltsverzeichnis]. Die weiteren Bücher zum Thema kreisen um die ernüchternde Beobachtung, dass es 25 Jahre nach der Weltkonferenz von Rio zwar nicht unbedingt an politischer Einsicht mangelt, die Umsetzung des Leitbilds Sustainability jedoch ins Stocken geraten ist. Wie es gelingen könnte, die Nachhaltigkeitsidee besser in alltäglichen Routinen, Verhaltensweisen und gesellschaftlichen Strukturen zu verankern, wird dabei aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert:

? Vornehmlich an ein juristisches Fachpublikum richtet sich der von dem Verwaltungsrechtler Wolfgang Kahl herausgegebene Sammelband ?Nachhaltigkeit durch Organisation und Verfahren? , in dem Möglichkeiten zur Operationalisierung von Nachhaltigkeit in Gesetzgebung und Verwaltungsverfahren betrachtet werden [Inhaltsverzeichnis]. Der Band will laut Vorwort ?einige in diesem Zusammenhang besonders wichtige Einrichtungen und Instrumente erläutern, differenziert auf ihr Leistungspotenzial hin ?abklopfen? sowie mit perspektivischen Anregungen für Wissenschaft und Praxis [?] verbinden?. Neben der grundlegenden Erörterung der Konzepte, Prinzipien und Leitbilder einer ?Sustainable Governance? werden in diesem Zusammenhang diverse prozedurale Instrumente besprochen, die auch für die TA-Community von Interesse sind. Dazu gehören etwa die Beiträge zu Nachhaltigkeit durch Umweltprüfungen (Sabine Schlacke), durch Mitbestimmung der Öffentlichkeit (Klaus F. Gärditz) sowie durch Innovation und Wissensgenerierung (Martin Eifert).

? Der Rolle der Verbraucher für eine nachhaltige Entwicklung widmen sich zwei Bücher, die im oekom verlag erschienen sind. Interessante historische Einblicke in die Thematik verspricht zum einen der in der Carl-von-Carlowitz-Vorlesungsreihe des Rates für Nachhaltige Entwicklung erschienene Band ?Materielle Kultur und Energiekonsum? [Inhaltsverzeichnis] von Frank Trentmann, Professor für Geschichte am Birkbeck College, University of London. Der Autor zeigt an historischen Beispielen der Energienutzung auf, ?welche Dynamik der Konsum seit dem 15. Jahrhundert entwickelt hat und wie dieser sowohl von gesellschaftlichen Konventionen und Normen als auch von individuellen Entscheidungen und Marktmechanismen beeinflusst wird? (Klappentext). Dass für die Gestaltung transformativer Prozesse einiges an gesellschaftlicher Fantasie und politischem Mut erforderlich ist, ist eine der Lehren aus der Vergangenheit, die der am Wuppertal-Institut beheimatete Sozial- und Umweltwissenschaftler Michael Kopatz nun auch für die Gegenwart lautstark einfordert. Sein populärwissenschaftlich gehaltenes Buch ?Ökoroutine? geht der Frage nach, was zu tun ist, damit wir tun, was wir für richtig halten [Inhaltsverzeichnis]. Angespielt wird damit auf den allgegenwärtigen Knowing-Doing-Gap, der vielen Nachhaltigkeitsproblemen zugrunde liegt. Trotz hohem Umweltbewusstsein wird der Flugverkehr nicht weniger und sind nachhaltig produzierte Lebensmittel nach wie vor ein Nischenprodukt. Wie ließe sich dies ändern? Kopatz? Antwort, die er anhand der Handlungsfelder Ernährung, Energie, Konsum, Reisen und Arbeit ausbuchstabiert, lautet: Weniger durch weitere moralische Appelle, sondern vor allem durch die Etablierung von Verhaltensgewohnheiten und ?Gelegenheitsstrukturen?, die Nachhaltigkeit zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Lebensführung machen. Der Autor scheint dabei vor allem ordnungspolitische Maßnahmen im Blick zu haben. Stellt sich die Frage, was ist daran neu? Kopatz weist selber daraufhin, dass ?Ökoroutinen? längst unseren Alltag prägen, wie Mülltrennung, Energiesparlampen etc. zeigen. Trotz vieler interessanter politischer Vorschläge bleibt so am Ende doch die ernüchternde und alles andere als neue Erkenntnis, dass "eigentlich schon alles gesagt [wurde] ? aber sehr vieles noch nicht getan".

? Dass die Umsetzung des Ökoroutinen-Ansatzes schnell an buchstäbliche Grenzen stoßen könnte, machen zwei Publikationen deutlich, die das Thema Nachhaltigkeits-Governance aus globaler Perspektive diskutieren. Da wäre zum einen das Buch ?Konflikt Natur? von Dawid Danilo Bartelt, dem ehemaligen Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro, das die Ressourcenausbeutung in den besonders arten- und rohstoffreichen lateinamerikanischen Ländern thematisiert [Inhaltsverzeichnis]. Bartelt beschreibt nicht nur die gravierenden sozialen und ökologischen Folgen dieser Entwicklung, die durch westliche Konsummuster und globale Märkte befördert wird, sondern macht auch auf zivilgesellschaftliche Bewegungen aufmerksam, die sich ihr entgegenstellen. Die ?postglobale Misere?, die sich hier abzeichnet, wird von Jürgen Turek zum anderen aus politikwissenschaftlicher Sicht umfassend analysiert. Der Autor, der am Centrum für angewandte Politikforschung der LMU München arbeitet, sieht im globalen Wettlauf um die knappen Naturressourcen nur eine der ?Baustellen globaler Ordnungspolitik?, deren ?Statik und Architektur? er nachgeht. Das Buch mit dem Titel ?Globalisierung im Zwiespalt? hat den (vielleicht etwas zu) großen Anspruch, ein Fazit der Globalisierung zu ziehen, und bringt dabei konsequenterweise auch deren technologischen Voraussetzungen zur Sprache [Inhaltsverzeichnis]. Über Nachhaltigkeitsfragen hinaus weist es somit weitere Bezüge zu aktuellen TA-Themen auf (Big Data, demografischer Wandel etc.), deren politischen Gestaltungsmöglichkeiten auf internationaler Ebene ausgelotet werden.

Insgesamt wurden aus 166 neu im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek gefundenen Buchtiteln 35 für den openTA-Neuerscheinungsdienst ausgewählt. Soweit für uns erkennbar, waren darunter keine, die von persönlichen Mitgliedern des NTA stammen.

Alle 35 Titel aus dem openTA-Neuerscheinungsdienst April 2017:

1. Altmeppen, Klaus-Dieter; Filipovic, Alexander; Hackel-de Latour, Renate (Hg.) (2017): Soziale Kommunikation im Wandel. 50 Jahre Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft. Baden-Baden: Nomos, 3-8487-4035-4, 163 Seiten.

2. Bär, Stefan (2016): Soziologie und Gesundheitsförderung. Einführung für Studium und Praxis. Basel: Beltz Juventa, 3-7799-3407-8, 147 Seiten.

3. Bartelt, Dawid Danilo (2017): Konflikt Natur. Ressourcenausbeutung in Lateinamerika. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 3-8031-2767-X, 137 Seiten.

4. Beckmann, Sabrina (2017): Biobased economy - Biomaterialien. Eine Technologievorausschau anhand IT-gestützter bibliometrischer Analyse und Szenariotechnik. Ulm: ITOP Institute of Technology and Process Management, Ulm University, VII, 90 Seiten.

5. Bernigau, Sven (2017): Eine Marketing-Strategie für nachhaltigere Biokraftstoffe in Deutschland. Ein Ansatz zur Verbesserung der Konsumentenakzeptanz? Wiesbaden: Springer Gabler, 3-658-17118-9, XXXIV, 430 Seiten.

6. Cole, Tim (2017): Digitale Transformation. Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt getan werden muss! München: Verlag Franz Vahlen, 2. erweiterte Auflage, 3-8006-5398-2, 247 Seiten.

7. Dion, Cyril (2017): Tomorrow - die Welt ist voller Lösungen. Bielefeld: J. Kamphausen Mediengruppe, 3-95883-157-5, 291 Seiten.

8. Eberl, Ulrich (2016): Smarte Maschinen. Wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert. München: Carl Hanser Verlag, 3-446-44870-5, 406 Seiten.

9. Eisenberger, Iris (2016): Innovation im Recht. Wien: Verlag Österreich, 3-7046-6981-4, XIV, 351 Seiten.

10. Ernst, Stephan (Hg.) (2016): Alter und Altern. Herausforderungen für die theologische Ethik. Wien: Verlag Herder, 978-3-7278-1790-8, 431 Seiten.

11. Franke, Anselm; Hankey, Stephanie; Tuszinski, Marek (Hg.) (2017): Nervöse Systeme. Berlin: Matthes & Seitz Berlin, 3-95757-410-2, 221 Seiten.

12. Frewer, Andreas; Schmidt, Kurt W.; Bergemann, Lutz (Hg.) (2016): Error and ethics in medicine. International perspectives for patients' rights. Würzburg: Königshausen & Neumann, 3-8260-6122-5, 200 Seiten.

13. Hahn, Susanne (2017): Wirtschaft ohne Ethik? Eine ökonomisch-philosophische Analyse. Stuttgart: Reclam, 3-15-011091-2, 276 Seiten.

14. Haiden, Thomas (2017): Rechtliche und normative Anforderungen an Maschinen. "Stand der Technik" in Österreich. Wien: Austrian Standards, 3-85402-337-5, 109 Seiten.

15. Hamilton, Alissa (2017): Risiko Milch. Wie ein Grundnahrungsmittel unsere Gesundheit ruiniert. München: Goldmann, Taschenbuchausgabe, 3-442-15911-3, 350 Seiten.

16. Hardensett, Heinrich (2016): Der kapitalistische und der technische Mensch. Marburg: Metropolis-Verlag, Neuauflage des 1932 erstmals erschienenen Buches, 3-7316-1218-6, 189 Seiten.

17. Hessberger, Wolfgang (2017): Zur Kritik des libertären Denkens. Frankfurt am Main, VI, 326 Seiten.

18. Hinsch, Martin (2016): Erfolgsfaktoren Effizienz und Sicherheit. Was die Medizin von der Luftfahrt lernen kann. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 3-17-031262-6, 199 Seiten.

19. Kahl, Wolfgang (Hg.) (2016): Nachhaltigkeit durch Organisation und Verfahren. Tübingen: Mohr Siebeck, 3-16-153646-0, XX, 413 Seiten.

20. Klaus, Elisabeth; Drüeke, Ricarda (Hg.) (2017): Öffentlichkeiten und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse. Theoretische Perspektiven und empirische Befunde. Bielefeld: transcript, 3-8376-3049-8, 336 Seiten.

21. Kollmer-von Oheimb-Loup, Gert (2016): Schwäbische Tüftler und Erfinder - Abschied vom Mythos? Innovativität und Patente in Württemberg im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag, 3-7995-5577-3, VIII, 232 Seiten.

22. Kopatz, Michael (2016): Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten. München: Oekom Verlag, 3-86581-806-4, 412 Seiten.

23. Körtner, Ulrich H. J. (2017): Grundkurs Pflegeethik. Wien: facultas, 3., aktualisierte Auflage, 978-3-7089-1486-2, 239 Seiten.

24. Latour, Bruno (2016): Der Berliner Schlüssel. Berlin: botopress, 3 . Auflage, 3-946056-00-8, 43 Seiten.

25. Lau, Peter C. K. (Hg.) (2016): Quality living through chemurgy and green chemistry. Berlin, Germany: Springer, 3-662-53702-8, xx, 369 Seiten.

26. Lubk, Claudia (2017): The concept of sustainability and its application to labor market policy. A discussion of political feasibility, implementation, and measurability. Wiesbaden: Springer Gabler, 3-658-16382-8, XXIII, 239 Seiten.

27. Mieke, Christian (2017): Innovationsmanagement. Die wichtigsten Methoden. München: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2., bearbeitete Auflage, 3-86764-751-8, 133 Seiten.

28. Ovesen, Solvej Helweg; Ndikung, Bonaventure Soh Bejeng (Hg.) (2016): An age of our own making. A reader reflecting on three topical issues of our time: coloniality and ecology; immunity and migration, as well as globalization and citizenship. Berlin: The Green Box, 3-941644-87-4, 173 Seiten.

29. Schäfers, Markus; Wansing, Gudrun (Hg.) (2016): Teilhabebedarfe von Menschen mit Behinderung. Zwischen Lebenswelt und Hilfesystem. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 3-17-029370-2, 185 Seiten.

30. Schmid, Heiko (2016): Metaphysische Maschinen. Technoimaginative Entwicklungen und ihre Geschichte in Kunst und Kultur. Bielefeld: transcript, 3-8376-3622-4, 285 Seiten.

31. Schmid, Lea; Diamond, Darla; Pflaster, Petra (Hg.) (2017): Lookismus. Normierte Körper - diskriminierende Mechanismen - (Self-)Empowerment. Münster: UNRAST, 3-89771-139-7, 86 Seiten.

32. Soeldner, Carsten-Constantin (2017): Open innovation in embedded systems. Wiesbaden: Springer Gabler, 3-658-16388-7, XVII, 182 Seiten.

33. Suhr, Katharina (2016): Der medizinisch nicht indizierte Eingriff zur kognitiven Leistungssteigerung aus rechtlicher Sicht. Heidelberg: Springer, 3-662-47422-0, XIV, 310 Seiten.

34. Trentmann, Frank (2016): Materielle Kultur und Energiekonsum. Verbraucher und ihre Rolle für eine nachhaltige Entwicklung. München: oekom, 3-86581-826-9, 64 Seiten.

35. Turek, Jürgen (2017): Globalisierung im Zwiespalt. Die postglobale Misere und Wege, sie zu bewältigen. Bielefeld: transcript, 3-8376-3785-9, 557 Seiten.

geschrieben von Christoph Kehl | 7132 Aufrufe, 0 Kommentare global governance governance konsum nachhaltigkeit ned
Benutzer Beiträge Datum
Tanja Sinozic 7 Vor 1 Woche
Ulrich Riehm 23 Vor 2 Monaten
Marius Albiez 6 Vor 4 Monaten
Dirk Hommrich 5 Vor 5 Monaten
Christoph Kehl 6 Vor 6 Monaten
Ansgar Skoda 11 Vor 7 Monaten
Maria Maia 2 Vor 10 Monaten
Nils Heyen 1 Vor 1 Jahr
Reinhard Heil 4 Vor 1 Jahr
Maximilian Roßmann 2 Vor 1 Jahr