Doppelte Verwendungszwecke

Publikationsdatum: 03.03.21 15:17    Letzte Aktualisierung: 03.03.21 15:17

Editorial zum openTA-Online-Neuerscheinungsdienst „über den TAellerrand“ (NED) Januar 2021

Ein Beitrag von Marius Albiez

Die aktuelle Ausgabe des Neuerscheinungsdienstes startet mit einem großen Dankeschön an all die Lesenden, welche unsere Beiträge verfolgen!  Wir hoffen, dass wir im vergangenen Jahr Ihren Geschmack getroffen haben und Sie durch die Lektüre die ein oder andere Neuentdeckung machen konnten. Über Feedback und Anregungen via Kommentarfeld oder per Mail an: info@openta.net freuen wir uns jederzeit. Des Weiteren freuen wir uns auf ein spannendes Jahr mit Ihnen mit interessanten und lesenswerten Neuerscheinungen!
In dieser Januarausgabe werden vier Werke näher vorgestellt. So unternehmen wir eine Annäherung an den Begriff der Teilhabe, befassen uns mit Ansätzen der Partizipation im kommunalen Nachhaltigkeitsmanagement, erfahren mehr über den doppelten Verwendungszweck von Wissen und begegnen interdisziplinären Perspektiven bei der Betrachtung digitaler Technologien.

Beginnen möchten wir mit dem Werk von Peter Bartelheimer und Mitautor*innen, welche sich mit der Bestimmung des Begriffs der „Teilhabe“ auseinandersetzen. Bartelheimer beschäftigte sich bereits in Vergangenheit mit Fragen der Teilhabeforschung am Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) an der Universität Göttingen. Mit dem Werk möchten die Autor*innen zu „einem klaren Begriffsverständnis von Teilhabe beitragen“ über unterschiedliche Bereiche hinweg und nicht zuletzt auch die Teilhabeforschung selbst in den Blick nehmen (Inhaltstext). Das Werk ist Teil der Reihe „Beiträge zur Teilhabeforschung“, welche das nach eigenen Angaben noch junge Forschungsfeld sichtbar machen und zu seiner Weiterentwicklung beitragen soll.
Mit 63 Seiten hat das Buch einen überschaubaren Umfang und gliedert sich in sechs Kapitel. Nach einer kurzen Einleitung (1) startet der Band mit einer Einordnung des Begriffs in unterschiedliche sozialpolitische Handlungsfelder (2). Darunter fallen Themen wie Grundsicherung, Kinder- und Jugendhilfe oder Migration und Flucht.  Daran anschließend folgen „Konzeptionelle Grundlagen“ (3), in denen vor allem Lebenslagen und Befähigung(sansätze) angesprochen werden. Das sehr kurze vierte Kapitel widmet sich dem „Begriffskern von Teilhabe“, während Kapitel fünf das „Verhältnis zu verwandten Begriffen“ unter die Lupe nimmt. Hier gehen die Autor*innen auf die Begrifflichkeiten Partizipation, Inklusion und Integration ein. Das Schlusskapitel (6) diskutiert „Teilhabe als Forschungsperspektive“ und bezieht beispielsweise methodische Zugänge oder die partizipative Forschung mit ein.

Der zweite Band widmet sich vor allem der praktischen Ebene der Mitbestimmung und richtet sich laut Herausgeber vor allem an „Verantwortliche in der Kommunalverwaltung und –politik“ sowie an zivilgesellschaftliche Akteure (Inhaltstext). Trotzdem könnte der von der Bertelsmann Stiftung herausgegebene Band „Partizipation im kommunalen Nachhaltigkeitsmanagement: Methoden für die Praxis“ für Forschende interessant sein und zwar aus zweierlei Gründen. Erstens sind nicht wenige Lesende dieses Blogbeitrags an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft tätig und betreiben beispielsweise transdisziplinäre Forschung. Ansätze, die sich in der kommunalen Praxis bewährt haben, sind möglicherweise auch für solche Forschungskontexte geeignet. Zweitens könnte der Band für all diejenigen interessant sein, die sich mit normativen Fragen von Partizipationsprozessen beschäftigen. Gemeint ist hier, dass allein die Zusammenstellung und Charakterisierung der im Band dargestellten Methoden auch Hinweise darauf geben könnten, was für Partizipationsverständnisse und Leitbilder vom Herausgeber selbst zu Grunde gelegt werden. Das Werk ist in fünf Teile gegliedert. Los geht es mit allgemeinen Ausführungen zum „Nachhaltigkeitsmanagement in Kommunen“ (1). Anschließend folgt ein „Plädoyer für mehr Partizipation in kommunalen Planungs- und Entscheidungsprozessen“ (2). Dort werden u.a. auf die „Grundsätze der Bürgerbeteiligung“ verwiesen und „Vorschläge zur Auswahl von Beteiligungsverfahren“ formuliert. Teil drei rückt die „Partizipation im kommunalen Nachhaltigkeitsmanagement“ in den Fokus und greift auch Themen wie Rahmenbedingungen und Digitalisierung auf. Im vierten Kapitel werden vor allem unterschiedliche Methoden mit entsprechenden Beispielen aus der kommunalen Praxis vorgestellt. Den Schluss bildet das sehr kurze Kapitel „Partizipation gelingt nur gemeinsam“.

Bei der dritten Neuerscheinung handelt es sich um eine Dissertationsschrift an der Universität Freiburg von Constantin Teetzmann mit dem Titel: „Schutz vor Wissen? Forschung mit doppeltem Verwendungszweck zwischen Schutzpflichten und Wissenschaftsfreiheit“ Der Autor geht in seiner Arbeit von einem sogenannten „doppelten Verwendungszweck“ von Wissen aus und reflektiert das daraus entstehende Spannungsverhältnis. Dieses ist dann anzutreffen, wenn neue Wissensbestände einen „möglichen Nutzen für Leben und Gesundheit“ für die Gesellschaft mit sich bringen oder als Waffe missbraucht werden können (Inhaltstext). Das Werk ist äußerst umfangreich, sodass allein das Inhaltsverzeichnis 18 Seiten umfasst. Die Dissertation besteht aus vier Teilen und insgesamt neun Kapiteln. Im ersten Teil werden zunächst die „Grundlagen“ der Arbeit vorgestellt. Das erste Kapitel führt dabei in das bereits formulierte Spannungsverhältnis ein und beschäftigt sich mit „Forschung zwischen nützlicher Verwendung“ und ihrem Missbrauch. Unter anderem werden die Begrifflichkeit des doppelten „Verwendungszwecks“ eingeführt und Biowaffen sowie Biosicherheit thematisiert. Anschließend folgen „ethische Betrachtungen zwischen Lebensschutz und Wissenschaftsfreiheit“ (2). Wie der Name vermuten lässt, werden hier vor allem die Schutzfunktion des Staates und die Freiheit der Wissenschaft angesprochen. Der zweite Teil widmet sich dem rechtlichen Handlungsrahmen. Vor diesem Hintergrund werden im dritten Kapitel unterschiedliche rechtliche Ebenen angesprochen, die von „internationale[n] Menschenrechtsregime[n]“ über die Grundrechte der EU bis hin zum Grundgesetz reichen. Im vierten Kapitel stehen unter anderem Forschungsfreiheit und freie Meinungsäußerung im Vordergrund. Im fünften Kapitel findet eine rechtliche Einordnung des Handlungsspielraums statt. Die Ebenen reichen auch hier von den Menschenrechten über die „Verträge des Europarats“ bis zum Grundgesetz. Der dritte Teil beschäftigt sich schließlich mit den „bestehende[n] Regelungen“ und vereint Überlegungen zur „Vorbeugung durch Rüstungskontrolle[n]“ (6) sowie dem „Schutz vor Agenzien“ (7). Im vierten und letzten Teil werden dann die „Handlungsmöglichkeiten“ vorgestellt. Vor diesem Hintergrund werden „Zuständigkeiten der öffentlichen Akteure“ angesprochen, gemeint sind beispielsweise die UNESCO, die EU sowie Bund und Länder (8). Das Werk schließt mit einem eigenen Maßnahmen-Kapitel (9). Hier werden auch Eingriffe in die Forschung und deren sichere Durchführung diskutiert.

Die letzte Veröffentlichung dieser NED-Ausgabe trägt den Titel:
Digitale Technologien zwischen Lenkung und Selbstermächtigung“. Herausgeber*innen dieses Sammelbandes sind Carmen Kaminsky, Udo Seelmeyer, Scarlet Siebert und Petra Werner. Im Mittelpunkt des Bandes steht „die Nutzung digitaler Technologien zu sozialen Zwecken mit Blick auf das Spannungsfeld von Lenkung und Selbstermächtigung“. Dabei vereint der Band  unterschiedliche Forschungsperspektiven, beispielsweise aus der Informatik, der Soziologie oder der Philosophie (Inhaltstext). Das Sammelwerk enthält insgesamt neun Beiträge, die das Spannungsverhältnis zwischen Emanzipation und Kontrolle durch digitale Technologien näher beleuchten. So befassen sich Robert Lehmann und Thomas Voit mit den Chancen der Digitalisierung in der Sozialen Arbeit und ziehen als Beispiel die „Arbeit mit Menschen mit Behinderung“ heran. Daran anknüpfend befasst sich Nadia Kutscher mit ethischen Fragestellungen, welche „im Kontext der Digitalisierung der Sozialen Arbeit“ auftreten. Angelehnt an den Titel des Sammelbandes nehmen Daniela Schlindwein et al. die „Technikberatung für ältere Menschen“ in den Blick und fragen nach dem Verhältnis von Autonomieförderung und Lenkung. Des Weiteren werden die Fachdisziplinen selbst reflektiert. So gehen Holger Hagen et al. im letzten Beitrag der Frage nach, welche Funktionen „Sozialwissenschaften und Philosophie in der Technikentwicklung“ innehaben.

Für die Januarausgabe des NED wurden aus 268 automatisch selektierten Buchtiteln aus dem Datenbestand der Deutschen Nationalbibliothek insgesamt 30 Buchttitel ausgewählt.

 

Adloff, Frank/Neckel, Sighard (2020), Gesellschaftstheorie im Anthropozän, Frankfurt/New York: Campus Verlag. ISBN: 9783593512792.

Bartelheimer, Peter/Behrisch, Birgit/Daßler, Henning/Dobslaw, Gudrun/Henke, Jutta/Schäfers, Markus (2020), Teilhabe – eine Begriffsbestimmung, 1st ed. 2020, Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden; Imprint: Springer VS. ISBN: 9783658306090.

Bertelsmann Stiftung (Hg.) (2020), Partizipation im kommunalen Nachhaltigkeitsmanagement. Methoden für die Praxis, 1. Auflage, Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung. ISBN: 9783867937436.

Borrás, Susana (2020), The roles of the state in the governance of socio-technical systems‘ transformation.

Buske, Nils (2020), Let‘s grow sustainably, Düsseldorf.

Fridays for Future (2020), Wir sind hier, wir sind laut. Fridays for future, Bielefeld: Kerber Verlag. ISBN: 9783735606631.

Hanson, Jutta (Hg.) (2020), PESS 2020 - IEEE Power and Energy Student Summit. 5-7 October 2020, online, Technical University of Darmstadt, Berlin/Offenbach: VDE VERLAG GMBH. ISBN: 9783800753376.

Hartmann, Thomas/Dahm, Jochen/Decker, Frank (Hg.) (2020), Utopien. Für ein besseres Morgen, Bonn: Dietz. ISBN: 9783801205812.

Haubner, Oliver/Kuhn, Stefan (2020), Instrumente für kommunales Nachhaltigkeitsmanagement. Eine Einführung, 1. Auflage, Stand: August 2020, Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung. ISBN: 9783867939218.

Indset, Anders (2020), Quantenwirtschaft. Was kommt nach der Digitalisierung?, 4., vollständig aktualisierte und erweiterte Auflage, Berlin: Econ. ISBN: 9783430210553.

Kaminsky, Carmen/Seelmeyer, Udo/Siebert, Scarlet/Werner, Petra (Hg.) (2020), Digitale Technologien zwischen Lenkung und Selbstermächtigung. Interdisziplinäre Perspektiven, 1. Auflage, Weinheim/Basel: Beltz Juventa. ISBN: 9783779960447.

Kätelhön, Cornelius A. (2020), Technology Choice Model for Consequential Life Cycle Assessment, Aachen: Mainz, G. ISBN: 9783958863248.

Kinne, Peter (2020), Nachhaltigkeit entfesseln! Einsichten und Lösungen jenseits der Klimadebatte, Berlin: Springer. ISBN: 9783662610206.

Krall, Markus (2020), When Black Swans multiply. Why we must reorganize our society, München: FinanzBuch Verlag. ISBN: 9783959722582.

Kricheldorff, Cornelia/Himmelsbach, Ines/Vries, Tjard de (Hg.) (2020), Netzwerke, Kooperationen, Verbünde - gemeinsames Forschen für soziale Innovationen, Erste Auflage, Konstanz: Hartung-Gorre Verlag. ISBN: 9783866286733.

Meinke, Insa (2020), Norddeutschland im Klimawandel.

Misselhorn, Catrin (2020), Künstliche Intelligenz, Erfurt: Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. ISBN: 9783946939634.

Pearl, Mike (2020), Was wirklich passiert, wenn. … das Internet zusammenbricht, der nächste Supervulkan explodiert oder endlich die Außerirdischen anrufen, München: Piper. ISBN: 9783492059350.

Piorkowsky, Michael-Burkhard (2020), Ökonomie ist menschlich. Wirtschaft und Wirtschaftslehre neu gedacht, Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN: 9783658306137.

Planing, Patrick/Müller, Patrick/Dehdari, Payam/Bäumer, Thomas (Hg.) (2020), Innovations for metropolitan areas. Intelligent solutions for mobility, logistics and infrastructure designed for citizens, Berlin/Heidelberg: Springer. ISBN: 9783662608050.

Raths, Stephan (2020), Ein Marktsimulationsverfahren für einen dezentral geprägten Strommarkt, Aachen: Mainz, G. ISBN: 9783958863569.

Rieniets, Tim/Sauerbruch, Matthias/Walter, Jörn (Hg.) (2020), Urbainable, stadthaltig. Positionen zur europäischen Stadt für das 21. Jahrhundert, Berlin: ArchiTangle. ISBN: 9783966800099.

Risk Management & Rating Association (Hg.) (2020b), Krisenbewältigung mit Risikomanagement, Berlin: Erich Schmidt Verlag. ISBN: 9783503195404.

Rubach, Malte J. (2020), Die Ökobilanz auf dem Teller. Wie wir mit unserem Essen das Klima schützen können, 1. Auflage, Stuttgart: Hirzel. ISBN: 9783777628769.

Schwenk, Jörg (2020), Sicherheit und Kryptographie im Internet. Theorie und Praxis, 5., erweiterte und aktualisierte Auflage, Wiesbaden: Springer Vieweg. ISBN: 9783658292591.

Simanowski, Roberto (2020), Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz, Deutsche Erstausgabe, Wien: Passagen Verlag. ISBN: 9783709204177.

Steinborn, Anke/Newiak, Denis (Hg.) (2020), Urbane Zukünfte im Science-Fiction-Film. Was wir vom Kino für die Stadt von morgen lernen können, 1. Aufl. 2020, Berlin, Heidelberg: Springer Spektrum. ISBN: 9783662610374.

Teetzmann, Constantin (2020), Schutz vor Wissen? Forschung mit doppeltem Verwendungszweck zwischen Schutzpflichten und Wissenschaftsfreiheit, 1. Auflage, Baden-Baden: Nomos. ISBN: 9783848760145.

Vaz, Eric d. N./Noronha, Teresa de (2020), Sustainable development in Southern Europe. Spatial analysis of regional challenges, Berlin: Springer. ISBN: 9783662621752.

Zöhrer, Michaela (2020), Repräsentation ferner Wirklichkeiten. Umstrittene Wissensproduktion in wissenschaftlicher und humanitärer Praxis, 1. Auflage, Baden-Baden: Nomos. DOI: 10.5771/9783748905349. ISBN: 9783748905349.

geschrieben von Marius Albiez | 322 Aufrufe, 0 Kommentare digitalisierung nachhaltige entwicklung partizipation wissen teilhabe
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