Empathische ?Re-Gnosen?

Publikationsdatum: 24.07.20 16:13    Letzte Aktualisierung: 24.07.20 16:17

Editorial zum openTA-Online-Neuerscheinungsdienst „über den TAellerrand“ (NED) Juni 2020

Der neue Blogbeitrag zu TA-relevanten Neuerscheinungen aus der Deutschen Nationalbibliothek im Juni steht weiterhin im Zeichen der Corona-Pandemie und knüpft dabei an die Aprilausgabe von Christoph Kehl an. Dieser hatte in seinem Beitrag eingangs festgestellt, dass die von ihm vorgestellten Veröffentlichungen zwar im „Corona-Spiegel“ betrachtet werden können, diese jedoch auf eine Zeit verweisen, in der die Pandemie und die damit einhergehenden Folgen noch nicht absehbar waren. Verlage und Autor*innen haben inzwischen reagiert, sodass sich in diesem Monat gleich zwei Veröffentlichungen finden, deren Corona-Bezüge bereits durch die jeweiligen Titel deutlich werden. Außerdem sollen zwei Neuerscheinungen in den Feldern „Digitalisierung und Solidarität“ sowie „Mobilität“ in den Blick genommen werden.

Der erste Band mit direktem Corona-Bezug stammt von Matthias Horx, der in der jüngeren Zeit vor allem als Trend- und Zukunftsforscher öffentlich in Erscheinung getreten ist. Horx nimmt sich der „Zukunft nach Corona“ an und befasst sich laut Titel vor allem mit den gesellschaftlichen und individuellen Veränderungsprozessen, welche mit der Corona-Krise einhergehen. Für Horx fungiert die Krise wie ein Spiegel, „in dem wir uns selbst erkennen“ (Inhaltsangabe). Der Krisenbegriff wird in unterschiedlichen Kapiteln des Werkes aufgegriffen. So beschäftigt sich der Autor beispielsweise mit der „innere[n] Semantik von Krisen“, stellt Überlegungen zur Vorhersagbarkeit selbiger an oder diskutiert sie als „Möglichkeitsraum“ zur Zukunftsgestaltung. Des Weiteren verweist Horx in seinem Buch auf den Ansatz der „Re-Gnose“, der auch in den Medien häufiger aufgegriffen wurde. Die Idee ist, aus der Zukunft auf die heutige Gesellschaft zurückzuschauen und sich quasi rückwärts normativen Zukunftsbildern zu nähern. Horx nimmt den Lesenden hier auf eine Reise ins Jahr 2070 mit. Aus TA-Perspektive handelt es sich dabei nicht um einen gänzlich neuen Ansatz, sondern ist als Spielart des Back-Castings zu verstehen. Mit rund 140 Seiten ist das Werk überschaubar ausgefallen, was sicherlich auch auf den geringen Zeitraum zwischen den Anfängen der europaweiten Pandemie und dem Erscheinungstermin zurückzuführen ist.

Der zweite Band, der explizit Bezug auf die Corona-Pandemie nimmt, stammt von Roland Mierzwa. Im Mittelpunkt steht dessen Konzept einer „Empathische[n] Ethik“ als „Entwurf für die Post-Corona-Zeit.“ Die Idee der Empathischen Ethik bildet dabei den Ausgangspunkt für die ethische Reflexion. Im Lichte der Corona-Pandemie befasst sich Mierzwa mit der Bestimmung des Empathiebegriffs sowie mit der Frage, wie eine „empathische Grundhaltung“ auf die Ethik selbst wirkt. (Inhaltsangabe). Das Fachbuch gliedert sich in zwei Teile. Zunächst findet eine begriffliche und konzeptionelle Annäherung statt. So werden zunächst die fehlenden und vorhandenen „Spuren der Empathie in der Ethik“ nachgezeichnet. Daran anknüpfend geht Mierzwa auf die Empathie als Brückenkompetenz ein und leitet schließlich zu einem „erweiterten Dreischritt“ über, der sich aus Sehen, Zuhören, Urteilen und Handeln zusammensetzt. Zusätzlich findet eine Reflexion ethischer Begriffe wie Barmherzigkeit oder Solidarität mithilfe des Empathieansatzes statt. Der zweite Teil des Buches befasst sich mit der Zeit nach Corona. Darin geht der Autor nicht zuletzt auf die mit der Pandemie einhergehenden ethischen Herausforderungen ein, sowohl im Kontext der „häusliche[n] Gewalt gegen Frauen“ als auch im Bereich Entlohnung systemrelevanter Arbeit. Zudem werden die ethischen Begrifflichkeiten des ersten Teils teilweise aufgriffen und „neu vermessen“. Gegen Ende diskutiert Mierzwa verschiedene Handlungsherausforderungen wie die „Reform des Gesundheitswesens“ oder die „Internationale Solidarität“.

Durch die Zunahme von Heimarbeit, dem Unterricht zu Hause sowie durch rechtliche Vorgaben zur Kontaktbeschränkung hat die öffentliche Debatte rund um Digitalisierungsthemen in den letzten Monaten an Fahrt gewonnen. Fraglich ist, wie sich die damit einhergehenden Folgen und Veränderungsprozesse auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken. Die Herausgeber*innen Martin Dabrowski, Patricia Ehret, und Mark Radtke spüren dem nach und denken in ihrem Tagungsband „Digitale Transformation und Solidarität“ zusammen. Grundlage des Werks ist die Fachtagung „Sozialethik konkret“, welche im Jahr 2019 in Wolfsburg stattfand. Hauptfragstellung ist, wie sich „die Ausgestaltung von Solidarität in Fragen von Sozialstaatlichkeit, betrieblicher Mitbestimmung und Beteiligung“ verändert (Inhaltsangabe). Der Band umfasst zwölf Beiträge von unterschiedlichen Autor*innen, wobei die thematische Bandbreite vom deutschen Sozialversicherungssystem (Mause) über Fragen der Besteuerung (Wiemeyer) bis hin zur betrieblichen Mitbestimmung (Wenkel) oder der „Gemeinwohlorientierte[n] Digitalisierung“ (Bruch) reicht.

Der letzte Sammelband dieses Blogbeitrags ist Teil der Reihe „Mobilität und Kommunikation“ und wird von Ulrike Stopka herausgegeben. In diesem Werk stehen vor allem „ganzheitliche Mobilitätslösungen in Gegenwart und Zukunft“ im Mittelpunkt. Das Werk baut auf unterschiedlichen Fachtagungen und Konferenzen auf und vereint sowohl wissenschaftliche Ansätze als auch Lösungsstrategien und Best-Practice-Szenarien. (Inhaltsangabe)
Der Sammelband zeichnet sich vor allem durch seine Vielfalt an Perspektiven aus Forschung und Praxis aus. Beispielsweise beschäftigt sich Jordan mit den zukünftigen „Anforderungen an Mobilitätsdienstleister“ und deren Umgang mit Kundenbeziehungen. Weitere Einblicke von Seiten der Praxis gibt Kindl, die sich mit „smarten Stationen“ beschäftigt oder Waschkewitz et al. mit ihrer „digitalen Mitfahrbank im Vogelsbergkreis“. Zudem finden sich Beiträge an der Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis, beispielsweise aus einem baden-württembergischen Reallabor. In Reallaboren sollen Transformationsprozesse im Sinne einer Nachhaltigen Entwicklung angestoßen und gleichzeitig beforscht werden. Vor diesem Hintergrund werden „Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Entwicklung und Erprobung eines Bedarfsbusses“ im Reallabor Schorndorf vorgestellt (König et al.). Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Akzeptanz automatisierter Kleinbusse (Friebel und Schade), mit „NFC-basierten Mobilitätsplattformen“ (Schäfer und Kreisel) oder mit multimodalen Dienstleistungen „am Beispiel Mietradsystem“ (Zappe).

Für die Juniausgabe des NED wurden aus 157 automatisch selektierten Buchtiteln aus dem Datenbestand der Deutschen Nationalbibliothek insgesamt 18 Buchttitel ausgewählt.

 

Aegerter, Simon (2020), Das Wachstum der Grenzen. Über die unerschöpfliche Erfindungskraft der Menschen. ISBN: 3038104760. Festeinband EUR 34.00 (DE), EUR 35.00 (AT), CHF 34.00 (freier Preis).

Beil, Benjamin/Freyermuth, Gundolf S./Schmidt, Hanns Christian (Hg.) (2019), Playing Utopia. Futures in Digital Games, 1. Auflage, Bielefeld: transcript; transcript Verlag. ISBN: 3837650502.

Blätter für deutsche und internationalen Politik (2019), Unsere letzte Chance. Der Reader zur Klimakrise, 1. Auflage. ISBN: 3982132304. pbk EUR 18.00 (DE), EUR 18.50 (AT), CHF 19.60 (freier Preis).

Cichocki, Marek A./Grosse, Tomasz G. (2019), The many faces of crisis. An analysis of crisis management from an economic: PETER LANG AG. ISBN: 3631791984.

Dabrowski, Martin/Radtke, Mark/Ehret, Patricia (2020), Digitale Transformation und Solidarität. ISBN: 3506703145. Broschur circa EUR 69.00 (DE), circa EUR 71.00 (AT).

Davies, Steffan/Midgley, David R. (2019), Internationales Alfred-Döblin-Kolloquium Cambridge 2017. Natur, Technik und das (Post-)Humane in den Schriften Alfred Döblins. ISBN: 303433897X. EUR 68.95 (DE), EUR 70.90 (AT), CHF 80.00 (freier Preis).

Döring, Thomas (2019), Wachstum und ökologischer Fußabdruck. Zum Zielkonflikt zwischen wirtschaftlicher Prosperität und Umweltverbrauch einschließlich möglicher Lösungskonzepte, Darmstadt: Sonderforschung ökonom. u. jurist. Institutionenanalyse. ISBN: 3941627740.

Fenner, Dagmar (2019), Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss. ISBN: 3825251276. Broschur EUR 24.99 (DE), EUR 25.70 (AT), CHF 32.50 (freier Preis).

Horx, Matthias (2020), Die Zukunft nach Corona. Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert. ISBN: 3430210429. EUR 15.00 (DE), EUR 15.50 (AT), CHF 16.90 (freier Preis).

Ivanceanu, Ina/Tiran, Katharina (Hg.) (2019), Michael Anranter, Ella Lucie Brandner, Heidi Dumreicher, Willi Haas, Natascha Ickert, Ina Ivanceanu, Armin Knöbl, Bettina Kolb, Irene Lucas, Julia Plattner, Barbara Smetschka, Thomas Stollenwerk, Katharina Tiran, Stephan Trimmel, Grüße aus der Zukunft. Globale Ziele und lokale Ansätze zu Nachhaltigkeit aus Österreichs ländlichem Raum, [1. Auflage], Weitra.

Kricheldorff, Cornelia/Lindner, Reinhard (Hg.) (2020), Autonomie und Technik: Psychosozial-Verlag.

Lenzen, Kirstin (2020), Die multiple Identität der Technik. Eine Innovationsbiographie der Augmented Reality-Technologie, 1. Auflage, Bielefeld: transcript; transcript Verlag. ISBN: 3837651851.

Mierzwa, Roland (2020), Empathische Ethik. Ein Entwurf für die Post-Corona-Zeit. ISBN: 3828844944. broschiert EUR 26.00 (DE), EUR 26.80 (AT).

Misselhorn, Catrin (2018), Grundfragen der Maschinenethik, 2., durchgesehene Auflage, Ditzingen: Reclam. ISBN: 9783150195833, http://search.ebscohost.com/login.aspx?direct=true&scope=site&db=nlebk&AN=1933762.

Ratzesberger, Pia (2019), Plastik. 100 Seiten. ISBN: 3150205514. Broschiert EUR 10.00 (DE), EUR 10.30 (AT).

Schulz, Detlef (Hg.) (2019), NEIS 2019. Conference on Sustainable Energy Supply and Energy Storage Systems Hamburg, 19 - 20 September 2019, 1. Neuerscheinung, Berlin: VDE VERLAG. ISBN: 3800751526.

Stopka, Ulrike (2019), Mobilität & Kommunikation. Ganzheitliche Mobilitätslösungen in Gegenwart und Zukunft. ISBN: 3960146612. Broschur EUR 11.90 (DE), EUR 12.30 (AT).

Thomas, Michael/Busch, Ulrich (Hg.) (2019), Frank Adler, Transformation im aktuellen Kontext. Chancen - Ambivalenzen - Blockaden, 1. Auflage, Berlin.

geschrieben von Marius Albiez | 218 Aufrufe, 0 Kommentare digitalisierung ethik mobilität zukunft corona empathie
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