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TATuP mit Peer Review: Vom Konzept zur Umsetzung. Erste Erfahrungen und Einsichten - Blog

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TATuP mit Peer Review: Vom Konzept zur Umsetzung. Erste Erfahrungen und Einsichten

TATuP - Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis“ ist nach einem umfassenden Relaunch mit einem ersten Heft (1-2/2017) im August erschienen. Neben einer neuen Rubrikenaufteilung, einem modernen Design und einem neuen Partner (oekom verlag) wurden bei diesem Heft zum ersten Mal in der 25-jährigen Geschichte der TATuP die wissenschaftlichen Artikel in einem Peer-Review-Verfahren begutachtet. Das Schwerpunktthema dieser Ausgabe enthält acht Beiträge zu „Open Science“ aus einer TA-Perspektive.

Im Kontext der letztjährigen Peer Review Week hatte ich auf dem openTA-Blog über die Überlegungen der TATuP-Redaktion zur Ausgestaltung des Begutachtungsverfahrens geschrieben. Der durchaus kontrovers aufgenommene Vorschlag lautete: non blind, not public. Auf gut Deutsch: Die Gutachter kennen die Namen der Autoren, und die Autoren wissen, wer ihre Gutachter sind (non blind). Aber das Gutachten selbst und die damit verbundene Kommunikation sind nicht öffentlich (not public).

Thema der Peer Review Week 2017 ist „Transparency“ . Ein transparentes Begutachtungsverfahren muss mindestens die Ziele der Begutachtung, die Rollen der Beteiligten und die Verfahrensschritte im Einzelnen in einer Richtlinie festhalten und öffentlich zugänglich machen. Die TATuP-Begutachtungsrichtlinie findet man auf der (neuen) TATuP-Website.

Der TATuP-Redaktion war von Beginn an klar, dass nicht nur die Organisation des Begutachtungsverfahrens eine Herausforderung ist, sondern dass sich auch das ungewöhnliche Verfahren erst in der Praxis bewähren muss. Diese Bewährungsprobe wurde bestanden.

Für den Themenschwerpunkt „Open Science“ gingen nach einem Call for Abstracts 15 Abstracts ein. Daraus wählten die beiden Themenherausgeber, Michael Nentwich und ich, neun für die Einreichung eines Manuskriptes aus. Diese wurden von je zwei GutachterInnen bearbeitet. Die insgesamt 18 GutachterInnen sprachen sich in der Mehrzahl für „Überarbeitung“ aus (13), vier votierten für „Ablehnung“ und eine für „Annahme“. Keines der Manuskripte erhielt zwei ablehnende Voten. Auf Basis der Gutachten entschieden sich die Herausgeber des Schwerpunktthemas für die Ablehnung zweier Manuskripte. Die Begutachtungsrichtlinie sieht vor, dass Ablehnungsempfehlungen immer von den TATuP-Herausgebern überprüft werden müssen. Das Ergebnis der Überprüfung war, eine Ablehnung und acht Überarbeitungsauflagen.

Erfreulich war, dass die meisten der angefragten GutachterInnen zusagten. Von 24 kontaktierten Personen hatten nur sechs die Übernahme eines Gutachtens abgelehnt. Dieser positive Eindruck bestätigte sich in der aktuellen Ausgabe der TATuP, die derzeit im Redaktionsprozess ist (Heft 3/2017). Hier wurden für zwanzig benötigte Gutachten 31 GutachterInnen kontaktiert, und dies obwohl die Begutachtungsperiode genau in die Ferienzeit fiel.

Ebenfalls erfreulich war, dass die gesetzten Termine in der Mehrheit der Fälle eingehalten wurden, und wenn es zu Terminüberschreitungen kam, diese mit der Redaktion vorher abgesprochen waren und/oder nur wenige Tage betrugen. Dabei war die Zeit für die Begutachtung mit drei bis vier Wochen knapp bemessen und die Zeit für die Überarbeitung eines Manuskriptes betrug nur zwei Wochen.

Begutachtungsverfahren wird ja gelegentlich vorgeworfen, dass sie den Veröffentlichungsprozess ungebührlich verzögerten. In unserem Fall dauerte es von der Einreichung des Manuskriptes bis zur Veröffentlichung etwa vier Monate, was m. E. als eine akzeptable Zeitspanne angesehen werden kann.

Ein Argument für ein nichtanonymes Verfahren (non blind) war, dass die Community der WissenschaftlerInnen im Bereich der TA so klein ist, dass die Herstellung von Anonymität in vielen Fällen wahrscheinlich eine Fiktion sei. Denn „man kennt sich“ und weiß, was in anderen Instituten gerade geforscht wird. Ob diese Annahme wirklich zutrifft, lässt sich (ohne erheblichen Aufwand) nur schwer überprüfen. Wir haben ermittelt, wie viele der AutorInnen und GutachterInnen persönliche Mitglieder des Netzwerks TA waren und damit zum engeren Kreis der TA-Szene zu zählen sind. Bei fünf von neun Artikeln waren mindestens eine AutorIn (aus den Autorenteams) Mitglied im Netzwerk TA (NTA). Von insgesamt 18 Gutachterinnen kamen sechs aus dem Kreis der persönlichen Mitglieder des NTA. Unsere ursprüngliche Annahme, dass jeder und jede jeden kennt, muss also relativiert werden. Es sind zwar NTA-Mitglieder unter den Beteiligten vertreten, diese dominieren aber weder die AutorInnen noch die Gutachterinnen.

In der Diskussion vor der Einführung des TATuP-Begutachtungsverfahrens wurde auch argumentiert, dass „non blind“ zu „Gefälligkeitsgutachten“ bzw. sogar zu Ablehnungen der Übernahme der GutachterInnenrolle führen könnte. Letzteres kam beim ersten Heft mit diesem Review-Verfahren kein einziges Mal vor. Bei Heft 1-2/2017 enthielten von insgesamt 18 Gutachten vier ein ablehnendes Votum (22 %), bei dem zur Zeit im Redaktionsprozess befindlichen Heft 3/2017 war nur ein von 16 Gutachten negativ (6 %).

Ob diese relativ geringe Rate der ablehnenden Voten mit dem Non-blind-Verfahren zusammen hängt, lässt sich nur schwer ermitteln. Klar ist aber, dass das Ziel des Begutachtungsverfahrens der TATuP nicht eine möglichst hohe Ablehnungsrate von Manuskripten ist, sondern die Verbesserung der Qualität der Beiträge.

Auf die Frage „Should peer review change“ antwortet im Blog der Society for Scholarly Publishing Kent Anderson: „... yes, it should and does and will always change. Should it be single-blind or double-blind? Should you have two or three reviewers? Should you have disclosures that follow the paper or are held by the editors? Should reviewer names be shared, published, or both? Should databases be included? Should there be a formal reviewer rewards program? Should reviewers get CE credits? Do you use statistical reviewers? Do you use technical reviewers? Do you have ethics review?“

Das neue Begutachtungsverfahren der TATuP – non blind, not public – ist ein Teil eben dieses Wandels, den weiter kritisch zu begleiten und zu verbessern, eine ständige Aufgabe sein wird.

Danke an Ulrich Ufer von der TATuP-Redaktion für ergänzende Hinweise auf den aktuellen Redaktionsprozess zu Heft 3/2017, in dem „Technikfolgenabschätzung und agentenbasierte Modellierung und Simulation (ABMS)“ das Schwerpunktthema sein wird.

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