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Macht Medizin! – Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie nach bei der TA und ihren Randgebieten - Blog

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Macht Medizin! – Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie nach bei der TA und ihren Randgebieten

Editorial zum openTA-Neuerscheinungsdienst (NED) „ueberdeNTAellerrand“, Februar 2018

Die Geburt der modernen Medizin, wie sie sich vor allem in den Metropolen Europas um 1800 herum etwa in Paris, London und Berlin zugetragen hat, wäre ohne Berücksichtigung der „Vernaturwissenschaftlichung“ ihrer Methoden und ohne die damit einsetzende Technisierung kaum zu beschreiben. Seither hat sich die (westliche) Medizin mit einer explosionsartigen, aber auch „explosiven“ Dynamik und einem so rasanten Tempo entwickelt, dass man die damit einhergehende Risikoproduktion in der Vielfalt ihrer Ausprägungen und Merkmale kaum mehr überschauen kann.

Erst recht ab Mitte des 20. Jahrhunderts haben Medizin, klinische Forschung, Medizintechnik und Pharmaforschung einen Entwicklungssprung vollzogen, der zu einer rapiden Ausweitung ihrer Möglichkeiten und Zuspitzung ihrer gesellschaftlichen sowie individuellen Folgen geführt haben. Man denke nur etwa an die Debatten um die Gentechnik, um Hirntod, Pränataldiagnostik und andere Entgrenzungsphänomene in der Bio-, Neuro- und Palliativmedizin. Dies und gleich sechs Neuerscheinungen, die sich in Feldern der modernen Medizin verorten lassen und im weitesten Sinn „Grenzfragen“ thematisieren, ist Grund genug, um das Editorial zum openTA-Neuerscheinungsdienst unter das Motto „Macht Medizin!“ zu stellen. Von diesen Neuerscheinungen, die sich im weiten Sinn mit Medizin, klinischer Forschung sowie medikaler Kultur und deren Folgen befassen, möchte ich hier drei herausgreifen.

So ist von acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, nun in der
Reihe „acatech Position“ ein neuer, 94 Seiten umfassender Bericht erschienen, der mit „Individualisierte Medizin durch Medizintechnik“ titelt, ein Thema, das das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) bereits von 2005 bis 2008 behandelt hatte (http://www.tab-beim-bundestag.de/de/untersuchungen/u126.html), und zu dem acatech in hinsichtlich seiner „Voraussetzungen und Konsequenzen“ Ende 2014 Stellung nahm. Nebst der ausführlichen Stellungnahme, die zur besseren Verständlichkeit übrigens ein insbesondere für Laien nützliches Glossar enthält, wurde auch eine Kurzfassung veröffentlicht, die online und sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch vorliegt; das Buch wurde bei Herbert Utz verlegt.

Worum geht es ganz grob? Laut acatech sind die medizintechnischen Innovationen weiter vorangeschritten, sodass die individualisierte Medizin heutzutage über mehr Techniken und Produkte verfügt als noch vor einigen Jahren: „In der Vergangenheit wurden insbesondere bildgebende Systeme, Labordiagnostika sowie Labortechnik, verschiedene Diagnose- und Therapiegeräte, Implantate und Rehabilitationshilfen als Medizintechnik oder Medizinprodukte betrachtet. Heute wird diese Aufzählung um die innovative Zell- und Gewebetechnik, aber auch um Telemedizin-, E-Health- und Software-Anwendungen, Dienstleistungen im Informations- und Kommunikationsbereich sowie Gesundheitsmanagement ergänzt.“

In Hinblick auf die unterschiedlichen Teilaspekte individualisierter Medizin und der heutzutage avancierten Medizintechnik unterscheidet die acatech-Position die Bereiche Digitalisierung, Patientenmodelle und Ratgebersysteme, Herstellung individualisierter Medizinprodukte, Translation durch Kooperation, Wirksamkeits-, Qualitäts- und Nutzenbewertung, Bündelung von Expertisen und Ressourcen, Forschungsförderung, Strukturen im Gesundheitswesen sowie begleitende Forschung und Öffentlichkeit. Für die eiligen LeserInnen sei darauf hingewiesen, dass sich in der Kurzfassung der Stellungnahme ein schnell überschaubarer Kasten mit den zentralen Aussagen „auf einen Blick“ findet. Auf Seite 7 der Kurzversion und Seite 73 des vollständigen Berichts fasst zudem eine Tabelle die Handlungsempfehlungen und Adressaten der acatech-Position übersichtlich zusammen.

Beim Verlag Königshausen & Neumann ist „Dieœ kosmopolitische Klinik. Globalisierung und kultursensible Medizin“ (Jahrbuch Ethik und Klinik) erschienen. Der 418 Seiten starke Band hat den Schwerpunkt „Medizinethik und Interkulturalität. Migration – Menschenrechte – Global Health“ und versammelt interdisziplinäre Beiträge, die sich u.a. mit kultureller Differenz und Diversität im Krankenhaus, der Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge oder der Behandlung traumatisierter Migrantinnen befassen. Das Jahrbuch beinhaltet darüber hinaus ein Diskussionsforum über „Interdisziplinäre Beiträge zur Globalisierung klinischer Versorgung“ (Inhaltsverzeichnis).

Auch die dritte Neuerscheinung, die hier im Editorial hervorgehoben werden soll, behandelt Zusammenhänge zwischen Medizin und planetaren Herausforderungen. Der Band „Ungerechtfertigte Ethik“ der Rechtswissenschaftlerin Mira Chang stellt die „Legitimität ethischer Guidelines und das Desiderat eines Menschenrechtsparadigmas globaler Arzneimittelversuche“ ins Zentrum des Interesses. Die Autorin hat Internationales Wirtschaftsrecht in Deutschland studiert, zu ihren Stationen als Forscherin gehörten Uruguay, Bolivien, Ecuador und Belgien, und sie war Mitarbeiterin und Doktorandin der Max-Planck-Nachwuchsgruppe „Demokratische Legitimation ethischer Entscheidungen – Ethik und Recht im Bereich der Biotechnologie und modernen Medizin“ am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. Der Blick ins Inhaltsverzeichnis der bei Duncker & Humblot in der Schriftenreihe „Ethik und Recht“ verlegten Dissertation von Frau Chang zeigt, dass sich die Autorin in einem Dreischritt mit „Arzneimittelversuche[n] und Globalisierung“, „Arzneimittelversuche[n] und Ethikguidelines“ sowie „Arzneimittelversuche[n] und Menschenrechte[n]“ beschäftigt.

Bei den drei hier nicht weiter vorgestellten Arbeiten, die sich ebenfalls unter die Überschrift des Februar-Editorials „Macht Medizin!“ rubrizieren lassen, handelt es sich um eine beim Helbing Lichtenhahn Verlag publizierte Arbeit der Rechtswissenschaftlerin Lea Schläpfer über „Probandenschutz, Qualität und Transparenz in der klinischen Arzneimittelforschung. Die Rolle des Sponsors“ (Inhaltsverzeichnis), den Springer-Sammelband „Ärztliche Werthaltungen gegenüber nichteinwilligungsfähigen Patienten. Ein Faktorieller Survey“ (Inhaltsverzeichnis) sowie die in der Reihe „Ethik und Recht in der Medizin“ bei Nomos als Buch erhältliche Dissertation „Body integrity identity disorder. Das Selbstbestimmungsrecht des Patienten in Grenzsituationen unter rechtlichen und ethischen Aspekten“ von Anja Schneider (Inhaltsverzeichnis).

Soweit ersichtlich, befindet sich unter den AutorInnen und HerausgeberInnen der Veröffentlichungen der Februar-Ausgabe des NED kein NTA-Mitglied. Die bibliographischen Angaben der insgesamt 19 NED-Titel lauten im Einzelnen:

1. An, Sugil (2016): Vorfeldkriminalisierung in der Risikogesellschaft. Frankfurt am Main: PL Academic Research, 3-631-67878-9, 177 Seiten.

2. Brunkow, Sebastian (Hg.) (2017): Individualisierte Medizin durch Medizintechnik. München: Herbert Utz Verlag, 3-8316-4616-3, 94 Seiten.

3. Chang, Mira (2017): Ungerechtfertigte Ethik. Über die Legitimität ethischer Guidelines und das Desiderat eines Menschenrechtsparadigmas globaler Arzneimittelversuche. Berlin: Duncker & Humblot, 3-428-14815-0, 391 Seiten.

4. Frewer, Andreas; Bergemann, Lutz; Hack, Caroline; Ulrich, Hans G. (Hg.) (2017): Die kosmopolitische Klinik. Globalisierung und kultursensible Medizin. Würzburg: Königshausen & Neumann, 3-8260-6381-3, 418 Seiten.

5. Hartmann, Karl (2017): Technologie im Dienste der Menschen? Kritische Überlegungen zum Zeitalter von Industrie 4.0. Berlin: trafo Wissenschaftsverlag, 3-86464-107-1, 231 Seiten.

6. Hoffmann, Christian Hugo (2017): Assessing risk assessment. Towards alternative risk measures for complex financial systems. Wiesbaden: Springer Gabler, 3-658-20031-6, XIV, 375 Seiten.

7. Holzinger, Hans (2016): Von nichts zu viel – für alle genug. Perspektiven eines neuen Wohlstands. München: oekom, 3-86581-794-7, 230 Seiten.

8. Kepplinger, Hans Mathias (2017): Totschweigen und Skandalisieren. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken. Köln: Herbert von Halem Verlag, 3-86962-284-9, 229 Seiten.

9. Matuszewski, Sandra (2017): Bewährtes zu Neuem verknüpfen - wissenschaftliche Methoden für die Streitkräfte des 21. Jahrhunderts. Hamburg: Helmut Schmidt Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg, II, 148 Seiten.

10. Molnár-Gábor, Fruzsina (2017): Die internationale Steuerung der Biotechnologie am Beispiel des Umgangs mit neuen genetischen Analysen. Berlin: Duncker & Humblot, 3-428-14825-8, 371 Seiten.

11. Pietsch, Wolfgang; Wernecke, Jörg; Otte, Maximilian (Hg.) (2017): Berechenbarkeit der Welt? Wiesbaden: Springer VS, 3-658-12152-1, 574 Seiten.

12. Schläpfer, Lea (2016): Probandenschutz, Qualität und Transparenz in der klinischen Arzneimittelforschung. Die Rolle des Sponsors. Basel: Helbing Lichtenhahn Verlag, 3-7190-3898-X, XLV, 215 Seiten.

13. Schneider, Anja (2016): Body integrity identity disorder. Das Selbstbestimmungsrecht des Patienten in Grenzsituationen unter rechtlichen und ethischen Aspekten. Baden-Baden: Nomos, 3-8487-2949-0, 309 Seiten.

14. Schnell, Martin W.; Schulz, Christian; Atzmüller, Christiane; Dunger, Christine (Hg.) (2017): Ärztliche Werthaltungen gegenüber nichteinwilligungsfähigen Patienten. Ein faktorieller Survey. Wiesbaden: Springer VS, 3-658-16565-0, 150 Seiten.

15. Smolinski, Remigiusz; Bodek, Mariusz C.; Gerdes, Moritz; Siejka, Martin (Hg.) (2017): Innovationen und Innovationsmanagement in der Finanzbranche. Wiesbaden: Springer Gabler, 3-658-15647-3, XV, 499 Seiten.

16. Teichert, Volker (2016): Die Nachhaltigkeitsstrategien der Bundesländer im Kontext der 2030-Agenda und ihre Relevanz für Kommunen. Heidelberg: Forschungsstätte der Evangelischen. Studiengemeinschaft e.V. (FEST), 978-3-88257-070-0, 87 Seiten.

17. Vieweg, Klaus (Hg.) (2017): Festgabe Institut für Recht und Technik. Erlanger Festveranstaltungen 2011 und 2016. Köln: Carl Heymanns Verlag, 3-452-28832-3, IX, 507 Seiten.

18. Wehner, Christoph (2017): Die Versicherung der Atomgefahr. Risikopolitik, Sicherheitsproduktion und Expertise in der Bundesrepublik Deutschland und den USA 1945-1986. Göttingen: Wallstein Verlag, 3-8353-3085-3, 427 Seiten.

19. Zoglauer, Thomas (2017): Ethische Konflikte zwischen Leben und Tod. Über entführte Flugzeuge und selbstfahrende Autos. Hannover: Der blaue Reiter, 3-933722-53-5, 271 Seiten.
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