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In die Zukunft und wieder zurück - Blog

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In die Zukunft und wieder zurück

Editorial zum Online-Neuerscheinungsdienst "ÜBERDENTAELLERRAND" (NED) April 2018

Ohne Nachdenken über Zukünftiges keine Technikfolgenabschätzung. Die Frage, woran sich überhaupt der wissenschaftliche Anspruch der Technikfolgenabschätzung festmachen lässt, gehört daher zu einer der Kernfragen der TA als professionelles, akademisches Projekt. Das Problem ist bekannt: Zur Zukunft gehört per definitionem das, was noch nicht ist und was damit dem empirischen Zugriff automatisch entzogen ist – also auch der Gegenstand der TA, nämlich die Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen. Das Selbstverständnis der TA war deshalb schon immer zentral mit der Frage verknüpft, wie sich „Zukunft“ begrifflich und methodisch fassen lässt. Dabei zeigt sich in der TA-Geschichte ein Perspektivenwechsel von prognostischen Annäherungen an die Zukunft hin zu der hermeneutischen Reflexion der (imaginierten) Zukünfte, von technikdeterministisch geprägten hin zu konstruktiv-gestalterischen Ansätzen. Die enge Verflochtenheit von Zukunftsreflexion und TA ist unter anderem in der aktuellen TATuP zur Theorie der TA nachzuverfolgen. Ein Anlass, um auch im neuen Blogbeitrag zu TA-relevanten Neuerscheinungen drei Publikationen vorzustellen, die sich mit dem Thema „Zukunft“ auseinandersetzen.

Ein ähnliches Motiv wie das einer „hermeneutischen“ Wende in der TA liegt auch der Veröffentlichung von Dieter Grunow zugrunde, emeritierter Professor für Politikwissenschaft und Verwaltungswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Ausgangspunkt seines Buches mit dem Titel „Gesellschaft der Zukunft – Beobachtungen aus der Gegenwart“ (erschienen im Verlag Barbara Budrich, Open-Access-Version verfügbar) sind zwei Prämissen (S. 65): Nämlich erstens die Offenheit der Zukunft, die stets „ein Phänomen gegenwärtiger Zukunftsvorstellungen“ sei; und zweitens dass das, was über die Zukunft gesagt wird, „weit überwiegend den Beobachtungen der Kommunikation – insbesondere – innerhalb des Mediensystems“ zu entnehmen ist. Angesichts der Tatsache, dass zwar viel und gerne über die Zukunft geredet werde, aber sich kaum Verlässliches darüber aussagen lasse, liege es nahe, so Grunow, die Zukunftskommunikation zum Beobachtungsfeld zu machen. Statt sich aber einer Analyse von Zukunftsvorstellungen zuzuwenden, wie es in der TA vorgeschlagen worden ist, schlägt Grunow einen systemtheoretischen Zugang zur gesellschaftsinternen Kommunikation vor, der sich aufgrund seiner Breite „von den meist üblichen Engführungen oder Einseitigkeiten vieler Zukunftsperspektiven unterscheidet“ (S. 9).

Im Hauptteil des Buches werden schließlich mithilfe dieses anspruchsvollen theoretischen Instrumentariums sechs Themenfelder mit Blick auf ihre massenmediale Darstellung untersucht: die globale Wirtschaftsentwicklung, der Klimawandel (und seine Folgen) und die Digitalisierung als systembezogene Trends sowie die Demografie, die Migration/Integration und die Urbanisierung als bevölkerungsbezogene Trends. In diesem Sinne versteht sich das Buch „als Anleitung zur begründeten Beobachtung und Bewertung von gegenwärtiger Kommunikation“ über Zukunftsfragen, mit dem Ziel, „Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung zu erkennen und zu bewerten“ (S. 7). Es vermag somit sicherlich auch den Anhängerinnen und Anhängern einer „hermeneutischen TA“ (Grunwald) als Inspirationsquelle dienen, auch wenn die Systemtheorie Luhmannscher Prägung ein gar enges theoretisches Korsett darstellt. Inwiefern diese darüber hinaus für die theoretische Fundierung der TA von Bedeutung ist (resp. sein könnte), wäre vor dem Hintergrund der derzeit geführten Theoriedebatte sicherlich eine spannende Frage.

Nach dem (gegenwartsbezogenen) Blick nach vorne folgt der Blick zurück: Im Band „Zurück in die Zukunft wird aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive der Bedeutung von Zukunftsdiskursen nachgegangen. Die Beiträge des Bandes eint, dass „Zukunft nicht als anthropologische Konstante, sondern vielmehr als eine mit dem soziokulturellen Umfeld eng verknüpfte, dynamische Denkweise verstanden“ wird (Klappentext). Zwar haben die Beiträge mehrheitlich einen wissenschaftsgeschichtlichen Fokus und beschäftigen sich nur am Rande mit technikbezogenen Themen. Hervorzuheben ist diesbezüglich zum einen der Text von Hans Jörg Schmidt, der anhand des Jahrbuchs „Das Neue Universum“ (herausgegeben von 1880 bis 2002) dem Wandel von technisch-wissenschaftlichen Zukunftsvorstellungen über mehr als ein Jahrhundert nachspürt. Zum anderen nimmt ein Text von Petra Missomelius das immer schon stark zukunftsvisionär geprägte Verhältnis von Bildung und Medien vom Buchdruck bis zur Digitalisierung in den Blick. Auch wenn genuin techniktheoretisch relevante Beiträge in der Minderzahl sind, so verspricht der Sammelband doch aus TA-Sicht interessante Einblicke in die historische Wandlungsfähigkeit der „Denkkategorie Zukunft“, die als Begriff für einen offenen und gestaltbaren Zeithorizont eine relativ moderne Erscheinung ist (wie Lucian Hölscher in seinem Buch „Die Entdeckung der Zukunft“ von 1999 dargelegt hat). Der Band, herausgegeben von Dominik Groß und Klaus Freitag, geht auf eine Tagung zurück, die im November 2015 am Aachener Kompetenzzentrum für Wissenschaftsgeschichte (AKWG) durchgeführt wurde.

Zum Schluss sei noch auf ein derzeit sehr populäres Sachbuch hingewiesen, das in eher erzählerischer Form einen „Blick“ in die Zukunft wirft. Die Rede ist vom Buch „Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen“ des Historikers Yuval Noah Harari. Der Autor wendet sich nach seinem Rückblick auf die Geschichte der Menschheit nun dem Ausblick auf deren Zukunft zu. Über das Buch ist in den Medien viel gesprochen und geschrieben worden, weshalb ich hier auf eine Rekapitulation inhaltlicher Details verzichte. Grob zusammengefasst: Harari entwirft im dritten Teil des Buches (die beiden ersten sind der Analyse vergangener und gegenwärtiger Entwicklungen gewidmet) ein eher düsteres Panorama der Zukunft des Menschen, der sich mithilfe der Biotechnologie und der Künstlichen Intelligenz anschickt, sich vom Homo sapiens in einen gottähnlichen „Homo deus“ zu transformieren – Ausdruck des menschlichen Strebens nach „Gesundheit, Glück und Macht“ (Klappentext). Auch wenn das Buch offensichtlich als kritischer Gegenentwurf zu den technikoptimistischen Szenarien des Silicon Valley konzipiert ist, so scheint es mir in seinem holzschnittartigen Zuschnitt deren transhumanistischen Narrative letztlich doch eher zu bestätigen als in Frage zu stellen. Harari stellt den technologischen Fortschritt als etwas dar, das mit unaufhaltsamer Wucht über uns hereinbricht, nicht als etwas, das gestaltbar ist und das es zu gestalten gilt. Das Buch verdeutlicht nicht nur, dass die Grenzen zwischen Science-Fiction und Zukunftsforschung durchaus fließend sind, sondern auch, dass eine TA dringend benötigt wird, die derartig publikumswirksame Prophetie kritisch durchleuchtet und ein „Denken in Alternativen“ ermöglicht (vgl. dazu den Artikel von Dobroć, Krings, Schneider und Wulf in der aktuellen TATuP).

Für die Aprilausgabe des NED wurden insgesamt 28 Buchttitel ausgewählt. Zugrunde lagen 121 Buchtitel, die durch einen automatisierten thematischen Suchlauf aus dem aktuellen Datenbestand der Deutschen Nationalbibliothek gefiltert wurden. Darunter waren – soweit ersichtlich – keine Titel, die von NTA-Mitgliedern stammen.

Die bibliografischen Angaben der insgesamt 28 NED-Titel lauten im Einzelnen:

1. Augustin, Christian (2017): Das neue Denken - das Neue denken. Wie kommt das Neue in die (Waren-)Welt? Konstanz: Hartung-Gorre Verlag, 3-86628-550-7, X, 548 Seiten.

2. Brentjes, Sonja; Edis, Taner; Richter-Bernburg, Lutz (Hg.) (2016): 1001 distortions. How (not) to narrate history of science, medicine, and technology in non-western cultures. Würzburg: Ergon Verlag, 3-95650-169-1, 278 Seiten.

3. Brönner, Matthias (2017): Risiken durch medizinische Freeware. Auswirkungen von IT-Entwicklungen auf Compliance-Mechanismen und die Risikosituation in Krankenhäusern. Hamburg: Verlag Dr. Kovač, 3-8300-9651-8, 276 Seiten.

4. Cremer, Marit; Wewetzer, Christa (Hg.) (2017): Pränatale Diagnostik. Beratungspraxis aus medizinischer, psychosozialer und ethischer Sicht. Frankfurt: Campus Verlag, 3-593-50738-2, 245 Seiten.

5. Denzler, Alexander; Meier, Andreas (Hg.) (2017): Online Participation (Schwerpunkt). In: HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik 54 (4), Wiesbaden: Springer Vieweg, Seiten 458-635.

6. Diendorfer, Gertraud; Welan, Manfried (Hg.) (2016): Demokratie und Nachhaltigkeit. Verbindungslinien, Potenziale und Reformansätze. Bozen: StudienVerlag, 978-3-7065-5577-7, 185 Seiten.

7. Freitag, Klaus; Groß, Dominik (Hg.) (2017): Zurück in die Zukunft. Die Bedeutung von Diskursen über „Zukunft“ in der Wissenschaftsgeschichte. Kassel: Kassel University Press, 3-86219-888-X, 201 Seiten.

8. Grunow, Dieter (2017): Die Gesellschaft der Zukunft - Beobachtungen aus der Gegenwart. Toronto: Verlag Barbara Budrich, 3-8474-0691-4, 262 Seiten.

9. Harari, Yuval Noaḥ (2017): Homo deus. Eine Geschichte von Morgen. München: C.H. Beck, 3-406-70401-8, 576 Seiten.

10. Henke, Michael; Kuhn, Axel (Hg.) (2017): Kollaboration als Schlüssel zum erfolgreichen Transfer von Innovationen. Analyse von Treibern und Hemmnissen in der Automobillogistik. München: Herbert Utz Verlag GmbH, 3-8316-4618-X, 112 Seiten.

11. Hofer-Ranz, Gabriel (2017): Philosophisches Skandalon Demenz. Eine ethische Reflexion selbstbestimmter Umgangsmöglichkeiten mit dem drohenden Autonomieverlust. Baden-Baden: Nomos, 3-8487-3712-4, 159 Seiten.

12. Hübner, Kerstin; Kelb, Viola; Schönfeld, Franziska; Ullrich, Sabine (Hg.) (2017): Teilhabe. Versprechen?! Diskurse über Chancen- und Bildungsgerechtigkeit, kulturelle Bildung und Bildungsbündnisse. München: kopaed, 3-86736-455-9, 488 Seiten.

13. Krause, Franziska (2017): Sorge in Beziehungen. Die Care-Ethik und der Begriff des Anderen bei Emmanuel Lévinas. Stuttgart-Bad Canstatt: Frommann-Holzboog, 3-7728-2800-0, VII, 224 Seiten.

14. Kreße, Bernhard (Hg.) (2017): Governance and perceptions of hazardous activities. A German and European approach. Dortmund: readbox unipress in der readbox publishing GmbH, 978-3-96163-000-4, 136 Seiten.

15. Kreutzer, Ralf T. (2017): Dematerialization. The redistribution of the world in times of digital Darwinism. Cologne: FutureVisionPress e.K, 3-9817268-3-9, 227 Seiten.

16. Kunze, Christophe; Kricheldorff, Cornelia (Hg.) (2017): Assistive Systeme und Technologien zur Förderung der Teilhabe für Menschen mit Hilfebedarf. Ergebnisse aus dem Projektverbund ZAFH-AAL. Lengerich: Pabst Science Publishers, 3-95853-362-0, 151 Seiten.

17. Leal Filho, Walter (Hg.) (2017): Innovation in der Nachhaltigkeitsforschung. Ein Beitrag zur Umsetzung der UNO Nachhaltigkeitsziele. Berlin: Springer Spektrum, 3-662-54358-3, VIII, 280 Seiten.

18. Lindner, Josef Franz (Hg.) (2016): Die neuronale Selbstbestimmung des Menschen. Grundlagen und Gefährdungen. Baden-Baden: Nomos, 3-8487-3279-3, 228Seiten.

19. Mutius, Bernhard von (2017): Disruptive Thinking. Das Denken, das der Zukunft gewachsen ist. Offenbach: GABAL, 3-86936-790-3, 231 Seiten.

20. Pettibone, Lisa (2016): Governing urban sustainability. Comparing cities in the USA and Germany. New York: Routledge, Taylor & Francis Group, 1-4724-6316-1, X, 214 Seiten.

21. Püchner, Petra (2017): Open Innovation. Strategische Herangehensweisen für kleine und mittlere Unternehmen. Stuttgart: Steinbeis, 978-3-00-056169-6, 79 Seiten.

22. Ramin, Philipp (2017): Diskontinuierliche Innovationen und Geschäftsmodelle. Eine Fallstudienuntersuchung anhand der Entwicklung der Märkte für MP3-Player und Smartphones. Duisburg: WiKu-Verlag - Wissenschaftsverlag und Kulturedition, Edition Dr. Stein, 3-86553-460-0, 457, CVII Seiten.

23. Rheinberger, Hans-Jörg (2017): The gene. From genetics to postgenomics. London: The University of Chicago Press, 978-0-226-27635-9, 147 Seiten.

24. Salber, Daniel (2017): Wider den Moneytheismus. Vom Elend der „Globalisierung“ zur Wiederbelebung Europas. Bonn: Bouvier, 3-416-03397-3, 145 Seiten.

25. Schmidt-Kessel, Martin (Hg.) (2017): Geschäftsmodelle in der digitalen Welt. Jena: Jenaer Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 978-3-938057-64-3, 277 Seiten.

26. Schneider, Friedrich; Steinmüller, Horst (Hg.) (2017): 8.816 Tage Zeit zur Veränderung. Forum Econogy 2016. Linz: Trauner Verlag + Buchservice GmbH, 3-99062-036-3, VI, 186 Seiten.

27. van der Ven, Katrin (2017): Social Freezing. Die Möglichkeiten der modernen Fortpflanzungsmedizin und die ethische Kontroverse. Köln: Stiftung Wissen der Sparkasse KölnBonn, 3-658-17941-4, IX, 54 Seiten.

28. Wilde, Mathias; Gather, Matthias; Neiberger, Cordula; Scheiner, Joachim (Hg.) (2017): Verkehr und Mobilität zwischen Alltagspraxis und Planungstheorie. Ökologische und soziale Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS, 3-658-13700-2, VIII, 168 Seiten.

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