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Elektromobilität und Dieselskandal – Thema im Wahlkampf, aber auch im NTA und auf openTA? - Blog

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Elektromobilität und Dieselskandal – Thema im Wahlkampf, aber auch im NTA und auf openTA?

In der aktuellen verkehrs- und umweltpolitischen Diskussion ist das Thema Elektromobilität relativ präsent. Durch den Dieselskandal ist die Elektromobilität weiter in den Fokus gerückt und auch im Bundestagswahlkampf der letzten Wochen wurde das Thema aufgegriffen.

Beide Themen hängen eng miteinander zusammen und beide stellen zugleich einen Problemtypus dar, für den sich eine Technikfolgenabschätzung geradezu aufdrängt: Technologische Fragen (Wie weit ist die Technologie? Was leistet sie heute schon oder in absehbarer Zeit?) sind verbunden mit Umweltfragen (Wie „ökologisch“ sind heutige Elektroantriebe? Brauchen wir „Dieselmobilität“ für die CO2-Reduzierung? Wie ist der gesamte Lebenszyklus von Elektrospeicher zu bewerten?), Wirtschaftsfragen (Wie sichern wir Arbeitsplätze in der Automobilindustrie? Wie kann der Technologiewechsel auf nicht-fossile Antriebe in der Industrie sozialverträglich bewältigt werden?) und mit politischen Fragen (Ist es sinnvoll politische Zielvorgaben für eine Technologie zu machen? Müssen die Grenzwerte für Stickoxid reduziert werden? Wann sind Fahrverbote in belasteten Städten unumgänglich?).

Eine Recherche im openTA-Publikationsdienst

Mich interessierte in diesem Zusammenhang, ob das Fachportal openTA und die mit openTA kooperierenden Mitgliedsorganisationen des Netzwerks TA (NTA), die ja die wesentlichen Quellen für die in openTA nachgewiesenen Publikationen sind, etwas zu den Problemfeldern Dieselmotoren und Elektromobilität beizutragen haben.

Ich habe deshalb im openTA-Publikationsdienst zwei Suchanfragen gestellt: „Diesel* -dieselbe*“ und „Elektromo*“. Der Stern („*“) erweitert die Suche etwa auch auf „Dieselantrieb“ oder „Dieselmotor“ bzw. „Elektromobilität“ oder „Elektromotor“; die Suchergänzung „-dieselbe*“ verhindert, dass auch Publikationen gefunden werden, in denen (nur) das Wort „dieselbe“ oder „dieselben“ vorkommt, aber „diesel“ nicht.)

Kann openTA zur Debatte um den Dieselskandal etwas beitragen?

Das Ergebnis zur „Dieselfrage“ sind 12 Treffer (https://www.openta.net/publikationen?q=diesel*%20-dieselben).

Die älteste Publikation stammt aus dem Jahr 1990, die aktuellste aus dem Jahr 2015.

Ich habe mir einige der Publikationen auf Basis der Abstracts angeschaut, um herauszufinden, ob diese etwas mit der aktuellen Stickoxid-Problematik zu tun haben.

Im Zentrum der Monografie (und Dissertation) von Oliver Hurtig (ITAS) aus dem Jahr 2014 steht ein „Techno-ökonomischer Vergleich des Einsatzes von Strom, SNG und FT-Diesel aus Waldrestholz im Pkw-Bereich“. Bei Hurtig geht es darum, welche Bedeutung Waldrestholz als Ressource für die Erzeugung unterschiedlicher Kraftstoffe haben könnte, darunter ein „waldrestholzbasierter“ Dieselkraftstoff. Das klingt zwar spannend, ist aber in Hinblick auf die aktuelle Dieseldebatte nur sehr eingeschränkt interessant.

Andreas Knie, Mobilitätsexperte des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), untersuchte bereits 1992 in vergleichender Perspektive die Technikgenese des Diesel- und des Wankelmotors. Mit dieser innovationstheoretischen Fragestellung finden wir ebenso wenig eine Antwort auf die Problematik des Stickoxid- Ausstoßes des Dieselmotors.

Ein weiterer Forschungsbericht stammt bereits aus dem Jahr 1990 und wurde von K. Schauer (ITA Wien) verfasst und hat den Titel „Motoröl – Feinstfilterung bei Nutzfahrzeug-Dieselmotoren“. Mit Feinfiltern werden Verunreinigungen im Motorenöl beseitigt und damit die Nutzungsdauer von Motoren verlängert. Es wird hier eine sehr spezielle Fragestellung verfolgt, die uns aktuell wenig weiterhilft.

Ein weiteres sehr spezielles Thema wird von Mathieu Saurat und Stefan Bringezu (Wuppertal Institut) in einem Aufsatz des „Journal of industrial ecology“ mit dem Titel „Platinum group metal flows of Europe: exploring the technological and institutional potential for reducing environmental impacts“ verfolgt. In dieser Publikation geht es u.a. um die Zusammensetzung von Katalysatoren in Dieselmotoren, auch kein Thema das derzeit die Öffentlichkeit unter dem Stichwort „Dieselskandal“ elektrisiert.

Am weitesten auf das „politische“ Feld wagt sich ein Vortrag von Jens Schippl (ITAS) aus dem Jahr 2015. Er behandelt „Stadtverkehr der Zukunft – ohne Diesel und Benzin? Visionen, Innovationen und gesellschaftliche Trends“. Was er damals vorgetragen hat, ist leider (bei openTA) nicht dokumentiert, aber kann auf dem YouTube-Kanal vom ITAS nachvollzogen werden.

Man sieht, dass Dieselthema ist auch in der TA-Community seit Jahren präsent, allerdings in sehr vielfältigen und speziellen Perspektiven. Mit der aktuellen Frage der Stickoxid-Emissionen aus Dieselmotoren hat sich allerdings im openTA-Bestand keine Publikation befasst.

Recherchiert man aber nicht nur im Publikationsdienst, sondern auch im Nachrichtendienst - und jetzt kommt die Ehrenrettung für openTA und die TA-Community -, der typischerweise aktueller und vielleicht auch „politischer“ ist, dann stößt man auf eine Meldung des NTA-Mitglieds Wuppertal Institut für Klima, Umwelt Energie: „Neues Positionspapier des Wuppertal Instituts. Warum ein harter Stopp für Benziner und Diesel richtig ist“. In der Nachricht vom 9.11.2016 heißt es: „Seit der Bundesrat gefordert hat, dass ab 2030 nur noch emissionsfreie Fahrzeuge zugelassen werden sollen, hat die Debatte um den richtigen Weg in die Zukunft der Mobilität an Fahrt aufgenommen. Prof. Dr. Uwe Schneidewind und Prof. Dr. Manfred Fischedick begründen, warum die Bundesrats-Initiative, die de facto einem Zulassungsverbot für neue Benzin- und Dieselfahrzeuge gleichkommt, genau den richtigen Innovationsimpuls setzt - und es falsch wäre, ihn mit einseitigen Festlegungen zu verbinden.“

Hat openTA etwas zum Thema Elektromobilität beizutragen?

Elektroauto aus dem Jahr 1899Die Suche im Publikationsdienst zur Elektromobilität bringt erwartbar deutlich mehr Treffer als die Suche nach „Diesel-Publikationen“, nämlich 120. Die älteste Publikation stammt aus dem Jahr 1999, die aktuellste aus dem Jahr 2017. In den letzten drei Jahren (2017 bis 2015) zeigt die Trefferliste im openTA-Publikationsdienst allein sieben Monografien zum Thema.

Dazu gehört technisch einschlägig von A. Füßel „Technische Potenzialanalyse der Elektromobilität. Stand der Technik, Forschungsausblick und Projektion auf das Jahr 2025“ aus dem Jahr 2017.

Aus dem gleichen Jahr stammt von A. Viertelhausen eine betriebswirtschaftliche Arbeit unter dem Titel „Business model gaming. Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle für die Elektromobilität“.

Im Jahr 2016 hat B. Reuter eine Arbeit über die „Bewertung von Nachhaltigkeitsaspekten zur Rohstoff- und Technologieauswahl für Elektrofahrzeuge“ vorgelegt, die die technischen und wirtschaftlichen Darstellungen der oben genannten Bücher ergänzt.

Alle drei Monografien stammen aus dem openTA-Neuerscheinungsdienst (NED), in dem TA-relevante Bücher aus dem Katalog der Deutschen Nationalbibliografie aufgenommen werden, die nicht unbedingt von Mitgliedern des NTA stammen müssen. Schaut man sich dagegen die nachgewiesenen Forschungsberichte an, dann kommen die NTA-Mitgliedsinstitutionen wieder ins Spiel.

So befassen sich W. Bulach und D. Schüler (Öko-Institut) weitblickend mit dem „Elektrofahrzeugrecycling 2020 – Schlüsselkomponente Leistungselektronik“. Untersucht wurde, ob eine Demontage der Elektronik vor dem Shreddern eines E-Autos verbunden mit der weiteren Verwertung der Elektronik in speziellen Elektronikrecyclinganlagen zu höheren Rückgewinnungsquoten von strategischen Metallen führt und ob dies auch ökonomisch darstellbar ist.

Ebenfalls aus dem Öko-Institut stammt das „Policy Paper“ mit der sehr aktuellen Frage „Klimavorteil Elektromobilität?“ von P. Kasten et al. Die Autoren ziehen, kurzgefasst, das folgende Fazit „Unter heutigen Rahmenbedingungen weist die Elektromobilität einen deutlichen Klimavorteil auf, ist aber noch weit von einer Klimaneutralität entfernt. Zur weiteren Erhöhung des Klimavorteils müssten Korrekturen an den politischen Zielen für den Ausbau Erneuerbarer Energien vorgenommen werden.“

Schließlich kann noch auf den Bericht von M. Wietschel et al. (FhG-ISI) „Perspektiven des Wirtschaftsstandorts Deutschland in Zeiten zunehmender Elektromobilität“ verwiesen werden. Sie greifen die aktuelle Frage nach Fahrverboten für Verbrennungsmotoren auf und analysieren „die möglichen Arbeitsplatzeffekte und Wertschöpfungswirkungen eines Wandels von konventionellen Pkw hin zu Elektrofahrzeugen für Deutschland.“

Am Thema Elektromobilität Interessierte sei zusammenfassend empfohlen, sich die gesamte Publikationsliste selbst anzuschauen.

Schlussbemerkung

Diese kleine Testrecherche aus aktuellem Anlass hat gezeigt, dass die openTA-Dienste, hier insbesondere der Publikationsdienst, durchaus Relevantes zum Thema „Elektromobilität“ beizutragen haben. Am meisten fällt vielleicht die Aktualität der Publikationen auf und die Breite der Aspekte, die dabei behandelt werden.

Weniger ergiebig war dagegen die Publikationsausbeute zur „NOx-Dieselproblematik“. Das mag unterschiedliche Gründe haben:

  • openTA deckt leider (noch) nicht flächendeckend ab, was die Mitglieder des NTA an Nachrichten und Publikationen zu bieten haben. Wir vom openTA-Team bemühen uns, den „NTA-Content“ kontinuierlich zu erweitern und laden alle ein, openTA als Plattform für die Verbreitung der eigenen „Informationsressourcen“ zu nutzen.

  • Nützlich wäre auch eine „Metasuche“ über die Webangebote aller NTA-Mitgliedsinstitutionen (die es schon einmal vor Jahren prototypisch gab). Dann könnte man auch unabhängig davon, was konkret für die openTA-Dienste bereitgestellt wird, die gesamte NTA-Informationsbasis durchsuchen.
  • Ich will aber auch darauf hinweisen, dass die politikberatende TA in der Regel auf Themenstellungen aus Politik und Forschungsprogrammen reagiert. Das heißt die (meist politischen) Auftraggeber müssen die Nase im Wind haben, und dann das „richtige“ Thema bewerben, öffentlich machen und entsprechend auch beauftragen. (Dass es dabei zu Kommunikationsprozessen zwischen Wissenschaft und Politik kommt, steht außer Frage.) Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die Politik oft nicht dazu neigt, hochbrisante und sehr kontroverse Themen zum Gegenstand von TA-Studien zu machen.
  • Schließlich benötigt die wissenschaftliche TA personelle, zeitliche und finanzielle Ressourcen. TA-Schnellschüsse in Reaktion auf Medienhypes stehen immer in der Gefahr, die wissenschaftlichen Standards nicht einzuhalten, die TA-Studien auszeichnet oder auszeichnen sollte.

PS.

Dieser Blogbeitrag aus aktuellem Anlass war im Übrigen nicht der openTA-Neuerscheinungsdienst für den August 2017, den Sie vielleicht schon vermisst haben. Dieser kann derzeit leider wegen eines technischen Problems beim automatisierten Abruf der Daten von der Deutschen Nationalbibliothek nicht erscheinen. Wir hoffen, dass diese Probleme im Oktober gelöst werden können.

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Der Abgasskandal ist das Ergebnis vieler Verfehlungen und mangelnder Alternativen, Stichwort Elektromobilität. Die Ohnmacht – der Skandal am geschädigten Verbraucher bzw. Käufer von Dieselfahrzeugen – gegenüber der Konzernmacht von Automobilherstellern ist m.E. zu einem Gutteil dem laxen Verbraucherschutz geschuldet, der die Mogelpackungen der Industrie letztlich wie eine Bagatelle erscheinen lässt, was diese Betrügereien keinesfalls sind, sondern: Justitia ist gerade nicht blind, sondern zwinkert den Unternehmen zu.
Ulrich, in Deinem Editorial zum NED im März hast Du auf die Relevanz juristischer Fragen für die TA hingewiesen. In dieser Linie: Der Deutschlandfunk hat unlängst in einer Sendung über Sammelklagen auf den Nachholbedarf in Deutschland hingewiesen. Bei einer anderen Rechtslage hätten die Trickser es sich vielleicht zweimal überlegt, ob sie sich das Mogeln auch dann noch leisten wollen, wenn es die Möglichkeit zur Sammelklage gäbe. Musterfeststellungsklagen wiederum scheinen den Schaden letztlich doch dem einzelnen Verbraucher zu überantworten. Die Konsumenten werden alleine gelassen, zumindest können Sie nicht gemeinsam stark sein vor Gericht. Im Deutschlandfunk dazu: „Sammelklagen in Europa. In Deutschland haben Verbraucher bisher kaum Möglichkeiten, ihr Recht gegenüber Großkonzernen geltend zu machen. Allerdings werden entsprechende Verfahren gerade diskutiert. In Frankreich ist man da weiter: Dort gibt es bereits Beispiele, die auch als Modell für eine deutsche Lösung dienen könnten.“ Der vollständige Beitrag aus der Sendung „Hintergrund“ vom 22.9.2017 als Leseartikel (oder derzeit auch noch als Audiostream): http://www.deutschlandfunk.de/gemeinsam-stark-sammelklagen-in-europa.724.de.html?dram:article_id=396518
Verfasst am 25.09.17 11:24.
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